Das katholische Glaubensbekenntnis – häufig als das „Credo“ bezeichnet – wird in vielen christlichen Kirchen gemeinsam gesprochen. In meiner früheren frei-evangelischen Gemeinde beispielsweise haben wir das Credo auch gebetet, allerdings ohne die Formulierung „heilige katholische Kirche“. Dies zeigt, wie einzelne Konfessionen bei gemeinsamen liturgischen Elementen differenzieren können. Nicht eine spezifische Sonderlehre war ausschlaggebend, sondern vielmehr die fundamentale Erkenntnis, dass das Credo – wie es auch in der frei-evangelischen Kirche meist gemeinsam gesprochen wird (jedoch ohne die Formulierung „heilige katholische Kirche“) – bekennt, dass der Heilige Geist die Kirche leitet. Derselbe Geist spielte zudem eine zentrale Rolle bei der Kanonisierung, Zusammenstellung und Bewahrung der Heiligen Schrift. Die Bibel entstand nicht als abgeschlossenes Werk, sondern wurde im Kontext der Kirche geprüft, zusammengestellt und letztlich als Ganzes anerkannt. Die Tradition beschreibt das fortwährende Gedächtnis der Kirche, in welchem die Heilige Schrift gehört, ausgelegt und verstanden wird. Sie ist kein Zusatz zur göttlichen Offenbarung, sondern definiert den Rahmen, in dem das offenbarte Wort Gottes fortdauert und wirksam bleibt. Schrift und Tradition stehen daher nicht im Widerspruch zueinander, sondern bilden gemeinsam das überlieferte Wort Gottes, das der Kirche anvertraut ist und durch den Heiligen Geist fortlebt.[1]

Die Heilige Schrift dokumentiert die fortlaufende Weitergabe des Glaubens. So hebt der Apostel Paulus hervor: „Du hältst an den Überlieferungen fest, wie ich sie dir übergeben habe.“ Darüber hinaus weist er darauf hin: „Steht also fest und haltet euch an die Überlieferungen, die ihr von uns gelernt habt, sei es durch ein Wort oder durch einen Brief.“ (2 Thess 2,15). Auch die Apostelgeschichte zeigt, dass von Anfang an Schrift und gelebte Überlieferung untrennbar verbunden waren: „Sie hielten fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42). In diesen Worten erscheint das Grundmuster des kirchlichen Lebens: die Lehre, die Gemeinschaft, die Liturgie und das Gebet bilden eine Einheit. So wird deutlich, dass das Wort Gottes nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt, gefeiert und weitergegeben wird. Die christliche Theologie basiert nicht auf religiöser Erfahrung, moralischer Intuition oder philosophischer Spekulation, sondern gründet im historischen Handeln Gottes. Gott wird in diesem Verständnis nicht als abstraktes Konzept aufgefasst, sondern als handelndes Subjekt, das aktiv in Raum und Zeit auf den Menschen zugeht. Diese Selbstoffenbarung Gottes erfolgt geschichtlich sowie unwiderruflich. Es handelt sich nicht um einen sukzessiven Prozess menschlicher Gotteserkenntnis, sondern um den souveränen Willensakt Gottes, sich selbst mitzuteilen und den Menschen zur Gemeinschaft mit sich einzuladen. Der Bezugspunkt dieser Offenbarung ist die Geschichte Israels, die in Jesus Christus ihre Erfüllung findet.[2]

Da die Offenbarung ein geschichtliches Ereignis darstellt, ist sie untrennbar mit ihrer Vermittlung verbunden. Die Selbstmitteilung Gottes vollzieht sich innerhalb menschlicher Sprache, Zeugenschaft und Gemeinschaft. Infolgedessen ist die Offenbarung ihrem Wesen nach auf Weitergabe ausgerichtet; sie erschöpft sich nicht im Moment ihres Geschehens, sondern erfordert die bewusste Erinnerung, Bewahrung, Interpretation und Verkündigung. Dieser Prozess der Weitergabe stellt keinen nachgeordneten Aspekt dar, sondern ist integraler Bestandteil der Offenbarungsstruktur. Ohne eine entsprechende Vermittlung bliebe keine fortwirkende Offenbarung bestehen, sondern es handelte sich lediglich um eine vergangene religiöse Erfahrung.[3] Aus diesem Grund ist jede theologische Entwicklung an den Ursprung der Offenbarung gebunden. Dogmen entstehen nicht durch kreative Neudeutung, sondern durch die wachsende Entfaltung dessen, was der Kirche bereits anvertraut ist.

Die Kirche ist der Offenbarung nicht übergeordnet, sondern ihr unterstellt. Sie agiert als deren Dienerin und nicht als ihre Urheberin. Daher müssen alle dogmatischen Formulierungen, lehramtlichen Entscheidungen sowie theologischen Reflexionen aus der grundlegenden Selbstmitteilung Gottes abgeleitet werden und sich fortwährend darauf beziehen.[4] Die Heilige Schrift nimmt innerhalb dieser Ordnung eine besondere Stellung ein. Sie dient nicht ausschließlich als historisches Zeugnis religiöser Erfahrungen, sondern wird von der Kirche als das Wort Gottes im menschlichen Ausdruck anerkannt. Ihre Autorität basiert nicht auf literarischer Qualität oder einer unmittelbaren historischen Verbindung zum Ursprung, sondern darauf, dass Gott diese Schriften selbst als Zeugnis seiner Offenbarung nutzt. Die Schrift ist jedoch kein eigenständiges Dokument; sie entstand im Kontext der Kirche und kann nur im Rahmen der kirchlichen Gemeinschaft angemessen interpretiert werden.[5]

Die Heilige Schrift ist demnach nicht ein äußerlicher Maßstab, nach dem die Kirche extern bewertet wird, sondern dient vielmehr als interne Richtlinie für das kirchliche Leben. Das Zweite Vatikanische Konzil definiert sie bewusst als die Seele der Theologie. Dies verdeutlicht, dass die Schrift nicht außerhalb der Kirche existiert, sondern integraler Bestandteil ihres Wesens ist. Als Wort Gottes erhält sie ihre Bedeutung im Kontext des Glaubens der Kirche, in dem sie gelesen, gehört und angenommen wird. Ohne diesen Rahmen wäre sie lediglich ein historisches Dokument und würde ihren eigentlichen theologischen Wert verlieren.[6] Die Kirche betrachtet die Heilige Schrift als oberste Norm ihres Glaubens, jedoch nicht losgelöst von ihrem eigenen Selbstverständnis. Die Bibel wird nicht als unabhängige Autorität über der Kirche, sondern als Ausdruck des kirchlichen Glaubens an Gottes Selbstmitteilung in Jesus Christus verstanden. Die Heilige Schrift stellt nicht den Ursprung der Kirche dar, sondern ist das Ergebnis apostolischen Zeugnisses. Sie ist aus der Verkündigung entstanden und bleibt weiterhin auf diese bezogen.[7] Die enge Verbindung zwischen Schrift, Tradition und Kirche zeigt sich insbesondere, wenn die Schrift als Wort Gottes und nicht ausschließlich als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung betrachtet wird. In dieser Perspektive ist das Verständnis der Schrift nur im Kontext des Glaubens und der historischen Entwicklung der Kirche möglich. Die Kirche übernimmt dabei nicht nur die Rolle einer Leserin, sondern bildet auch den aktiven Rahmen für die Rezeption der Schrift. Sie fungiert als Hörerin und Zeugin des überlieferten Wortes Gottes.[8]

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, weshalb die Kirche die Heilige Schrift stets im Zusammenhang mit der Heiligen Überlieferung betrachtet. Die Überlieferung stellt keine eigenständige Quelle neben der Schrift dar, sondern ist ein dynamischer Prozess, durch den das Wort Gottes bewahrt, interpretiert und weitergegeben wird. Heilige Schrift und Tradition stehen nicht im Wettbewerb, sondern bilden eine untrennbare Einheit. Diese Verbindung hat das Zweite Vatikanische Konzil klar herausgestellt, indem es festhielt, dass Heilige Überlieferung, Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche in einer solchen Weise miteinander verknüpft sind, dass keines ohne die anderen Bestand haben kann; gemeinsam dienen sie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes dem Heil der Seelen. [9] Somit wird sowohl die Position von sola scriptura als auch jede Idee einer von der Schrift getrennten Tradition ausgeschlossen. Die Existenz von Tradition basiert in erster Linie auf den anthropologischen Eigenschaften des Menschen. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, das nicht isoliert im Moment lebt, sondern eingebettet ist in Strukturen von Erinnerungen, Überlieferungen und Bedeutungszusammenhängen.

Durch Sprache, Schrift, Rituale und soziale Praktiken kann er Erfahrungen weitergeben und Identität aufrechterhalten. Ohne Tradition wären Kultur, Geschichte und personale Kontinuität nicht möglich.[10] Die anthropologische Fähigkeit zur Tradition bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Offenbarung. Gott spricht den Menschen nicht als isoliertes Individuum an, sondern adressiert ihn als geschichtliches Subjekt. Offenbarung beruht auf Erinnerung und ist auf Weitergabe ausgerichtet. Durch Tradition wird der Mensch Teil eines Kommunikationszusammenhangs mit Menschen der Gegenwart und Vergangenheit und erhält so die Möglichkeit, sich als Empfänger göttlicher Selbstmitteilung zu begreifen. Seit der Aufklärung hat die Wahrnehmung des Traditionsbegriffs jedoch einen Wandel erfahren. Tradition wurde zunehmend als Ausdruck voraufklärerischer Denkweisen, als Hindernis für Autonomie und als Instrument autoritärer Machtstrukturen betrachtet. Insbesondere kirchliche Tradition verband man vermehrt mit Unfreiheit, Dogmatismus und irrationaler Autorität.[11]

In Reaktion auf diese Kritik entstand teilweise ein ideologisch verengtes Traditionsverständnis, das Tradition gegen Moderne ausspielte und sie zu einem Abwehrinstrument gegen Relativismus und Pluralismus machte. Begriffe wie Offenbarung, kirchliche Autorität, Lehrverbindlichkeit und päpstliche Unfehlbarkeit wurden dabei als Gegenideologie zur Aufklärung verstanden. Ein solcher Traditionalismus verkennt jedoch ebenso das Wesen der Tradition wie der moderne Traditionsskeptizismus. Ein theologisch verantworteter Traditionsbegriff muss vielmehr aus dem Ursprung der Offenbarung selbst entwickelt werden. Offenbarung geschieht nicht unmittelbar im Schrifttext, sondern im apostolischen Kerygma, also in der Verkündigung dessen, was die Apostel empfangen haben. Dieses Empfangen und Weitergeben wird im Neuen Testament mit dem Begriff paradósis (παράδοσις) bezeichnet. Tradition meint daher nicht primär die Bewahrung alter Formen, sondern die lebendige Weitergabe dessen, was von Gott her anvertraut wurde.[12] In diesem Sinn ist die Tradition keine menschliche Ergänzung der Offenbarung, sondern ihre notwendige Vermittlungsform. Die Kritik Jesu an menschlichen Überlieferungen richtet sich nicht gegen dieses Prinzip, sondern gegen Überlieferungen, die das Gebot Gottes verfälschen oder ersetzen. Jesus wendet sich gegen die Verabsolutierung menschlicher Satzungen, nicht gegen die Tatsache, dass Gottes Wort nur im menschlichen Zeugnis weitergegeben werden kann. Die Tradition hat ihren Ursprung daher nicht außerhalb des Evangeliums, sondern im Evangelium selbst. Sie ist die dem Kerygma eigene Form seiner geschichtlichen Präsenz. Die Kirche ist durch die apostolische Sendung beauftragt, das empfangene Evangelium autoritativ weiterzugeben. Diese Autorität gründet nicht in institutioneller Macht, sondern in der apostolischen Herkunft der Verkündigung.[13]

Die apostolische Kirche besitzt eine normative Bedeutung, weil sie unmittelbar aus dem Offenbarungsereignis hervorgegangen ist. Die nachapostolische Kirche steht in der Kontinuität zu diesem Ursprung und bleibt auf ihn verwiesen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, neue Offenbarung zu erzeugen, sondern die einmal geschehene Offenbarung treu zu bewahren und in der Geschichte gegenwärtig zu halten. Ein wesentliches Bindeglied zwischen apostolischer Ursprungszeit und kirchlicher Gegenwart ist die Heilige Schrift. Doch die Schrift allein garantiert keine Identität in der Zeit. Eine rein historische Interpretation vermag nicht zu sichern, dass die Kirche dieselbe bleibt. Diese Identität wird vielmehr durch die Gegenwart des auferstandenen Herrn gewährleistet, der in seinem Heiligen Geist in der Kirche wirkt und ihr seine bleibende Gegenwart zugesagt hat.[14]

Die apostolische Tradition umfasst daher die gesamte Gestalt des kirchlichen Lebens. Sie schließt Lehre, Sakramente, kirchliche Ordnung und geistliche Praxis ein. Sie darf nicht auf einzelne Elemente reduziert werden, die nicht ausdrücklich in der Schrift genannt sind. Die Tradition repräsentiert zusammen mit der Schrift die apostolische paradósis und damit die Offenbarung selbst in ihrer geschichtlichen Entfaltung. Schon die frühesten nachapostolischen Schriften bezeugen dieses Verständnis. Die Kirche versteht sich als auf dem Fundament der Apostel aufgebaut und erkennt im Festhalten an der apostolischen Lehre, an der Gemeinschaft, an der Eucharistie und am Gebet die bleibenden Kennzeichen ihres Glaubens. Die Aufgabe der Kirche besteht darin, dieses anvertraute Gut zu bewahren und vor Verfälschung zu schützen.

Die Kirchenväter bringen die Einheit von Schrift und Tradition mit großer Klarheit zum Ausdruck. Basilios von Caesarea unterscheidet zwischen schriftlich überlieferten Lehren und solchen, die aus der apostolischen Überlieferung stammen, betont jedoch, dass beide dieselbe Wirksamkeit für den Glauben besitzen. Augustinus formuliert diesen Zusammenhang in einem berühmten Satz, wenn er erklärt, dass er dem Evangelium nicht glauben würde, wenn ihn nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewegen würde.[15]


[1] Zweites Vatikanisches Konzil, Dei Verbum 9 bis 10. Siehe auch Katechismus der Katholischen Kirche 74 bis 100.

[2] Vgl. Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik für Studium und Praxis, Freiburg i. Br., S. 64-65

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. ebd.

[6] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dei Verbum 9.

[7] Vgl. Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik für Studium und Praxis, Freiburg i. Br.; S. 66

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Dei Verbum 10.

[10] Vgl. Müller, Katholische Dogmatik. S. 65

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. 1 Kor 11,23; 15,3.

[13] Vgl. Müller, Katholische Dogmatik. S. 65

[14] Vgl. Mt 28,20.

[15] Vgl. Augustinus, Contra epistulam Manichaei 5.

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