Wenn Christus eine sichtbare Kirche gewollt hat, stellt sich sofort die einfache Frage: Wer trägt sie durch die Zeit. Die Schrift zeigt keine lose Bewegung, die nur von Begeisterung lebt, sondern eine Gemeinschaft mit übertragener Verantwortung. Jesus sendet die Apostel, und die Apostel setzen Männer ein, die ihren Dienst weiterführen. Diese Weitergabe ist der Herzschlag dessen, was die Kirche apostolische Sukzession nennt. Sukzession heißt nicht einfach Tradition im Sinn von Gewohnheit, sondern eine geordnete Weitergabe von Auftrag, Lehre und Hirtendienst durch Handauflegung und Gebet. Sie macht die Kirche nicht unfehlbar in allem, aber sie macht sie verlässlich in dem, was Christus ihr anvertraut hat.

Das Neue Testament spricht nüchtern davon. Paulus erinnert Timotheus daran, die Gabe Gottes durch das Auflegen seiner Hände anzufachen, und verweist auf eine Handauflegung, die nicht privat war, sondern im Kreis der Ältesten geschah.[1] Titus erhält den Auftrag, in jeder Stadt Älteste einzusetzen, also nicht bloß Mitarbeiter zu suchen, sondern ein Amt zu bestellen, das die junge Kirche trägt.[2] In mehreren Gemeinden wurden Älteste eingesetzt unter Gebet und Fasten.[3] Paulus nennt Bischöfe und Diakone als konkrete Ämter, und er ruft die Hirten von Ephesus zu sich und sagt, der Heilige Geist habe sie als Aufseher eingesetzt, die Kirche Gottes zu weiden.[4] Petrus selbst redet die älteren Brüder als Mitältester an, der mit ihnen den Hirtendienst teilt.[5] Dazu kommt eine Kette von Lehre an Schüler. Was du von mir gehört hast, das übergib verlässlichen Menschen, die fähig sind, andere zu lehren.[6] Diese Sätze malen kein starres System, aber sie zeigen eine klare Linie. Christus sendet. Die Apostel setzen ein. Die Nächsten tragen weiter. Das ist mehr als gute Organisation. Es ist die Weise Gottes, sein Werk sichtbar zu bewahren.[7]

Sehr früh bezeugen die Christen, dass diese Linie entscheidend war, wenn es um Wahrheit und Einheit ging. Der Erste Clemensbrief aus Rom, am Ende des ersten Jahrhunderts geschrieben, erzählt, wie die Apostel in Voraussicht von Streit und Spaltung geprüfte Männer einsetzten und eine Ordnung hinterließen, damit nach ihrem Tod andere diesen Dienst übernehmen.[8] Ignatius von Antiochien schreibt um das Jahr hundert an mehrere Gemeinden und zeichnet ein Bild, das du anfassen kannst. Wo der Bischof ist, da ist die Gemeinde. Mit ihm die Presbyter und Diakone. Einheit und rechte Eucharistie sind an diesen lebendigen Dienst gebunden, nicht an spontane Kreise ohne Bindung.[9] Irenäus von Lyon, Schüler des Polykarp, der seinerseits Schüler des Apostels Johannes war, erklärt am Ende des zweiten Jahrhunderts, dass man gegen neue Lehren die apostolischen Kirchen mit ihrer Reihenfolge der Bischöfe befragen soll. Als Beispiel nennt er die Kirche Roms, deren Glaubensüberlieferung öffentlich zugänglich ist, und führt die Reihe ihrer Hirten von den Aposteln bis in seine Zeit.[10] Tertullian rät, dorthin zu gehen, wo die Sitze der Apostel noch stehen und ihre Briefe verlesen werden. Dort kann man sehen, ob das, was heute behauptet wird, wirklich apostolisch ist.  Eusebius von Caesarea sammelt im vierten Jahrhundert die alten Listen und Zeugnisse und zeigt, dass die Gemeinden die Reihen ihrer Bischöfe nicht aus Prestige pflegten, sondern als Maßstab der Treue.[11]

Der Zweck der apostolischen Sukzession besteht nicht darin, eine exklusive Elite zu etablieren, sondern das Evangelium zu bewahren. Diese Form der Sukzession schützt die Kirche vor einer Vielzahl individueller Auslegungen und trägt zur Einheit bei. Das Fehlen einer solchen Nachfolge führt beispielsweise bei den Protestanten zu einer Vielzahl an Denominationen. Die katholische Sukzession verbindet die biblische Überlieferung mit dem lebendigen Gedächtnis der Kirche und gewährleistet so eine überprüfbare Lehre. Zudem stellt sie sicher, dass die Sakramente ihren ursprünglichen Sinn behalten. Das Konzil betont, dass alles, was von den Aposteln überliefert wurde, in Lehre, Leben und Gottesdienst der Kirche weitergegeben wird. Die Bischöfe nehmen als Nachfolger der Apostel diese Aufgabe wahr. Der Katechismus unterstreicht, dass durch die apostolische Sukzession die Gemeinschaft im Glauben und im kirchlichen Leben erhalten bleibt und die Sendung Christi sowie des Heiligen Geistes fortgeführt wird.

Sukzession umfasst mehr als die Weitergabe von Handauflegungen; sie besteht aus drei miteinander verbundenen Elementen. Erstens ist die Lehre der Apostel grundlegend. Aus diesem Grund bekennt die Kirche jeden Sonntag ihre apostolische Ausrichtung und liest beständig die Heilige Schrift. Zweitens spielt die Feier der Sakramente, insbesondere der Eucharistie, eine zentrale Rolle für den Aufbau der Kirche. Dabei kommt dem Bischof als oberstem Liturg der Einheit, gemeinsam mit den Presbytern, die in seinem Auftrag die Eucharistie feiern, besondere Bedeutung zu. Drittens gehört der Hirtendienst dazu, der nicht als Herrschaft verstanden wird, sondern als ein Dienst, der schützt, lehrt, ordnet und versöhnt. Diese drei Elemente sind keine nachträgliche Entwicklung späterer Jahrhunderte. Schon in der Apostelgeschichte werden sie erkennbar, wenn die erste Gemeinde an der Lehre der Apostel, der Gemeinschaft, dem Brotbrechen und den Gebeten festhält. [12]

Im Neuen Testament wird häufig argumentiert, dass die Begriffe „Älteste“ und „Aufseher“ ein eher informelles Leitungsgremium bezeichnen. Die spätere Hervorhebung des Bischofsamtes entwickelte sich demnach erst zu einem späteren Zeitpunkt. Eine präzise Differenzierung dieser Begriffe ist hilfreich, da in der Anfangszeit die Benennungen „Aufseher“ und „Ältester“ oftmals synonym verwendet wurden, was auf eine enge Verbindung dieser Ämter hinweist. Bereits in der Generation nach den Aposteln entwickelt sich jedoch jene Struktur, die für die gesamte alte Kirche kennzeichnend ist: Bischof, Presbyter und Diakon. Ignatius von Antiochien nimmt diese Ordnung auf und verbindet sie mit der eucharistischen Einheit. Diese Entwicklung stellt keine Abweichung dar, sondern reflektiert die nachhaltige Umsetzung des apostolischen Musters durch die junge Kirche. Entwicklung ist dabei als Kontinuität zu verstehen, nicht als Bruch.

Die Sukzession gewährleistet nicht nur die Bewahrung der Lehre, sondern schafft einen Rahmen, in dem echte Erneuerung stattfinden kann. Das kirchliche Gedächtnis fungiert als Maßstab, an dem sich neue Entwicklungen prüfen lassen. Der fortwährende Hirtendienst ermöglicht Korrektur innerhalb der Gemeinschaft, ohne dass neue Gemeinden gegründet werden müssen. Da die Lehre öffentlich vermittelt wird, besteht Transparenz darüber, was universell geglaubt wurde, ebenso wie die Möglichkeit, Grenzüberschreitungen aufgrund zeitgenössischer Strömungen zu identifizieren. Die Sukzession bildet somit das tragende Fundament, das Freiheit und Vielfalt innerhalb eines klar definierten Rahmens erlaubt. Ohne diese Grundlage droht Instabilität.

Die persönliche Erfahrung zeigt, dass gemeinschaftliches Schriftstudium wertvoll sein kann, aber auch die Gefahr birgt, subjektive Maßstäbe anzuwenden, sobald historische Korrekturinstanzen wie Glaubensbekenntnisse oder der Hirtendienst fehlen. Die Einordnung in die Linie der Sukzession fördert daher Demut und macht deutlich, dass individuelle Innovation nicht im Widerspruch zu kirchlicher Tradition stehen muss. Vielmehr kann in der Eingliederung in größere Zusammenhänge Freiheit und Sicherheit gefunden werden. Die Kirche lehrt verbindlich, prüft laufend und benennt Irrtümer transparent. Die Sukzession ist kein garantierter Schutz vor Fehlern, sondern ein Gerüst, das Wachstum und Fruchtbarkeit ermöglicht.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die apostolische Sukzession die Kirche sowohl allgemein als auch in besonderer Weise in ihrer Einheit bewahrt. In der Schrift erhält einer der Apostel eine besondere Aufgabe, die der Einheit dient und die Gesamtheit der Gemeinschaft stärkt. Dieser Aspekt wird im folgenden Abschnitt näher betrachtet, insbesondere im Hinblick auf die Rolle des Petrus als Dienst an der Einheit innerhalb der apostolischen Sukzession. Im Fokus steht nicht die Frage nach Macht, sondern nach Treue und Beständigkeit der Kirche, die durch einen von Christus selbst gestifteten Dienst zusammengehalten wird.


[1] 2 Tim 1,6 Einheitsübersetzung

[2] Tit 1,5 Einheitsübersetzung

[3] Apg 14,23 Einheitsübersetzung

[4] Phil 1,1 und Apg 2,42 sowie Apg 20,28 Einheitsübersetzung

[5] 1 Petr 5,1 bis 4 Einheitsübersetzung

[6]

[7] 2 Tim 2,2 Einheitsübersetzung

[8] Clemens von Rom, Erster Clemensbrief 42 bis 44

[9] Ignatius von Antiochien, Briefe an die Smyrnäer 8, an die Trallianer 3, an die Magnesier 6

[10] Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien 3,3,1 bis 3,3,4

[11] Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte Buch 3, S. 133-143

[12] Apg 20,28 Einheitsübersetzung

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