Wenn Christus seine Kirche sichtbar gebaut hat und die Apostel ihren Dienst weitergaben, bleibt eine entscheidende Frage übrig. Wie hält der Herr diese sichtbare Einheit durch die Zeiten hindurch zusammen, wenn es in Lehre und Leben ernst wird. Die Schrift antwortet nüchtern. Christus beruft nicht nur ein Kollegium, er stellt einem der Zwölf einen besonderen Dienst an die Seite. Dieser Dienst dient den anderen und der ganzen Herde. Er ist kein Preis für persönliche Leistung, sondern eine Aufgabe für die Einheit. In der Tradition heißt das der Petrusdienst.

Die Bibel legt drei Grundsteine. Der erste Grundstein ist die Verheißung. Jesus sagt zu Simon, den er Kephas nennt, also Fels. Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Was du auf Erden binden wirst, wird im Himmel gebunden sein, und was du lösen wirst, wird im Himmel gelöst sein.[1] Wer den Text langsam liest, hört drei Dinge. Christus baut seine Kirche, nicht wir. Er nennt Simon beim neuen Namen und bindet den Aufbau der Kirche an diese Berufung. Und er gibt ihm die Schlüssel, ein Bild für eine reale Vollmacht. Im Hintergrund steht die Schlüsselstelle des Alten Bundes, wo der König dem obersten Verwalter die Schlüssel überträgt. Er wird Vater für die Bewohner und hat die Aufgabe zu öffnen und zu schließen.[2] Jesus verwendet dieses Bild nicht zufällig. Er setzt einen Diener ein, der nicht König ist, aber im Königshaus für Ordnung und Einheit sorgt.

Der zweite Grundstein ist die Zusage am Abend vor dem Leiden. Der Herr sagt zu Simon. Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich bekehrt hast, dann stärke deine Brüder.[3] Das ist keine Privatfrommheit, sondern eine Sendung. Petrus ist nicht besser als die anderen. Er wird fallen und weinen. Aber gerade weil er die Barmherzigkeit Gottes kennt, soll er die Brüder stärken. Die Einheit gründet nicht in Unfehlbarkeit des Charakters, sondern in der Treue Christi, der für seinen Diener betet.

Der dritte Grundstein ist der Auftrag des Auferstandenen am See. Dreimal fragt Jesus den Petrus. Liebst du mich. Dreimal sagt er. Weide meine Lämmer. Weide meine Schafe.[4] Das ist Hirtensprache. In der Schrift ist weiden ein Wort für leiten. Petrus empfängt einen Hirtendienst, der nicht gegen die anderen Hirten steht, sondern ihnen dient. Es ist bemerkenswert, dass Jesus seine ganze Herde in den Blick nimmt. Lämmer und Schafe. Der Auftrag ist umfassend und auf Dauer angelegt.

Manchmal wird eingewendet, dass alle Apostel Vollmacht zum Binden und Lösen erhalten. Das stimmt. Jesus gibt in einem weiteren Schritt auch dem Kollegium diese Vollmacht.[5] Die katholische Lehre stellt beides zusammen. Es gibt die gemeinsame apostolische Vollmacht und es gibt einen Dienst, der der Einheit dient und das Kollegium zusammenhält. Man kann es so sagen. Das Haus hat viele tragende Balken und einen First, der die Balken verbindet. In der frühen Kirche ist genau diese Verbindung spürbar.

Die Apostelgeschichte zeichnet ein klares Profil. Petrus ergreift die Initiative bei der Wahl des Matthias.[6] Er hält die erste Predigt zu Pfingsten.[7] Er spricht im Namen der Apostel vor dem Hohen Rat.[8] Durch ihn öffnet der Herr der Kirche den Weg zu den Heiden, als Kornelius den Heiligen Geist empfängt.[9] Als es Streit um die Aufnahme der Heiden gibt, stehen in Jerusalem mehrere auf, aber das letzte Wort ist ein gemeinsamer Beschluss der Apostel und Ältesten. Petrus hat nicht alles allein entschieden, aber ohne ihn läuft nichts an der Herde vorbei. Paulus nennt Jakobus, Kephas und Johannes die Säulen und berichtet sogar von einer offenen Zurechtweisung.[10] Das zeigt zweierlei. Der Petrusdienst hebt die brüderliche Korrektur nicht auf, und persönliches Versagen macht den Auftrag nicht zunichte. Die Einheit der Kirche besteht nicht in der Unfehlbarkeit jedes Handelns, sondern in der Treue des Herrn zu seinem eigenen Einsetzungswillen.

Sehr früh bezeugen die Christen, wie diese Spur verstanden wurde. Der Erste Clemensbrief aus Rom greift am Ende des ersten Jahrhunderts in einen Streit in Korinth ein und begründet das mit der von den Aposteln geordneten Weitergabe des Amtes.[11] Ignatius von Antiochien nennt die römische Kirche die, die vorsteht in der Liebe und schreibt von einer Einheit, die sich um Bischof, Presbyter und Diakone sammelt.¹² Irenäus von Lyon weist am Ende des zweiten Jahrhunderts darauf hin, dass man die apostolischen Kirchen und besonders Rom mit ihrer Abfolge der Bischöfe fragen soll, wenn neue Lehren auftauchen.¹³ Diese Zeugen stellen sich nicht gegen die Schrift. Sie zeigen, wie die Schrift in der realen Kirche gelebt wurde. Die Nachfolger des Petrus in Rom galten als Bezugspunkt, wenn es um die Einheit der Lehre und der Gemeinschaft ging.

Die Kirche hat das später ausdrücklich formuliert. Das Erste Vatikanische Konzil sagt, dass der Bischof von Rom als Nachfolger des Petrus den Dienst hat, die Brüder zu stärken und die Einheit zu wahren, besonders wenn es um endgültige Entscheidungen im Glauben und in der Sittenlehre geht. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt denselben Dienst in den Kontext des Bischofskollegiums. Der Papst ist nicht über der Kirche, sondern in der Kirche als Diener der Einheit. Der Katechismus fasst das schlicht. Der Papst ist sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit der Bischöfe und der Gläubigen.[12]

Wichtig ist, was der Petrusdienst ist und was er nicht ist. Er ist kein persönlicher Genieapparat und keine Inspiration auf Abruf. Der Papst erfindet keine neue Offenbarung und setzt keine Privatheiligkeit durch. Er bewahrt, was die Kirche empfangen hat, klärt in entscheidenden Stunden und hält die Einheit, damit die Herde nicht zerstreut wird. Wenn die Kirche endgültig lehrt, tut sie das entweder im Kollegium der Bischöfe oder durch den Papst, der eine Lehre als endgültig vorlegt. Solche Akte sind selten und genau umrissen. Die normale Weise des Petrusdienstes ist schlichter. Er bestätigt die Brüder im Glauben, fördert die Evangelisierung, ruft zur Umkehr, ordnet die Liturgie mit den Bischöfen und erinnert an die Armen. Er kann Fehler machen in Entscheidungen, er kann Kritik verdienen. Aber die Verheißung bleibt. Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt.

Für evangelikale Freunde ist oft hilfreich, den Petrusdienst an der Christologie zu messen. Wenn Christus der Sohn Davids ist, dann gehört zu seinem Reich eine Ordnung, in der es einen Verwalter gibt, der Schlüssel trägt.[13] Dieser Verwalter ist nicht der König. Er kann zurechtgewiesen werden. Er kann abgelöst werden. Aber seine Aufgabe bleibt für das Haus wichtig. Genau so bewahrt der Petrusdienst die Kirche vor zwei Gefahren. Vor dem Zerfallen in unzählige Privatdeutungen und vor der Erstarrung in bloße Institution. Denn der Dienst ist auf Christus verwiesen. Er ist nur so stark, wie er an das Evangelium gebunden bleibt. Darum hängt die Glaubwürdigkeit des Petrusdienstes auch an der Heiligkeit der Träger. Darum bittet die Kirche unablässig um Gebet für den Papst.

Joseph Schielle fasst das klassisch zusammen. Christus setzt eine geistliche Autorität in der Kirche ein, die hierarchisch geordnet ist. Die Apostel bilden ein Kollegium unter Petrus. Der Primat des Petrus ist nicht bloßer Ehrenvorrang, sondern eine von Christus verliehene Aufgabe, die Einheit zu tragen und zu erhalten. Die Schlüsselverheißung bedeutet Vollmacht, alles zu tun, was zum Nutzen der Kirche nötig ist. Die Binde und Lösegewalt haben auch die Apostel empfangen, aber in Unterordnung unter Petrus.[14] Diese Linie ist kein spätes Machtmodell, sondern entspringt der Logik des Evangeliums. Weil Christus die Herde liebt, gibt er ihr Hirten. Weil er Einheit will, gibt er einen Dienst, der Einheit schützt.

Die geistliche Bedeutung des Petrusdienstes kann als Schutz und nicht als Konkurrenz verstanden werden. Die Kirche muss nicht täglich neu definiert werden; vielmehr ist sie ein stabiles Haus, in das Gläubige sich einordnen können. Es besteht die Möglichkeit zu reflektieren, zu hinterfragen und zu prüfen, während das Vertrauen bleibt, dass der Herr die wesentlichen Richtungen vorgibt. Der Papst nimmt im Verhältnis zu Jesus keine vermittelnde Rolle ein, sondern steht gemeinsam mit den Gläubigen vor Christus und trägt eine Verantwortung, die Einzelne nicht übernehmen könnten. Seine Aufgabe umfasst die Stärkung der Glaubensgemeinschaft. Folglich wird darum gebeten, dass der Herr auch den Papst stärkt. Einheit wird dabei als gemeinsame Treue zum Herrn, zur Lehre und zu den Sakramenten definiert.

Das Fundament der Kirche basiert darauf, dass Christus Schlüssel übergibt, Türen öffnet, einen Felsen schafft, um Stabilität zu gewährleisten, und einen Hirten beruft, um Fürsorge sicherzustellen. Diese Aspekte dienen nicht nur theoretischen Überlegungen, sondern bieten Trost, insbesondere in Zeiten der Unsicherheit. Es ist ein wesentliches Merkmal, dass Christus seine Fürsorge fortwährend ausübt und dadurch seinen Diener bewahrt, damit der Glaube aufrechterhalten bleibt. Der Petrusdienst fördert die Einheit der Kirche und sorgt dafür, dass sie sichtbar, prüfbar und missionarisch bleibt. Dies unterstützt alle Gläubigen darin, näher bei Christus zu bleiben, der als das wahre Fundament gilt.


[1] Mt 16,18 bis 19 Einheitsübersetzung.

[2] Jes 22,20 bis 22 als alttestamentliche Schlüsseltypologie.

[3] Lk 22,31 bis 32 Einheitsübersetzung.

[4] Joh 21,15 bis 17 Einheitsübersetzung.

[5] Mt 18,18 Einheitsübersetzung.

[6] Apg 1,15 bis 26 Einheitsübersetzung.

[7] Apg 2,14 bis 41 Einheitsübersetzung.

[8] Apg 4,8 bis 20 Einheitsübersetzung.

[9] Apg 10,1 bis 48 und 11,1 bis 18 Einheitsübersetzung.

[10] Apg 4,8 bis 20 Einheitsübersetzung.

[11] Clemens von Rom, Erster Clemensbrief 42 bis 44, in: Die apostolischen Väter [deutsche Ausgabe, deine Hausausgabe].

[12] Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer Proömium und Brief an die Smyrnäer 8, in: Die apostolischen Väter [deutsche Ausgabe, deine Hausausgabe]

[13] Jes 22,20 bis 22 Einheitsübersetzung.

[14] Joseph Schielle, Grundriß der katholischen Apologetik, Renovamen Verlag, Abschnitt „Einsetzung der Hierarchie“ und „Primat Petri“.

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