Das Gebet des Rosenkranzes, insbesondere das „Ave Maria“, wirft bei vielen Gläubigen eine grundlegende Frage auf: Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Verehrung und der Anbetung, die allein Gott gebührt? Diese Unterscheidung ist weniger eine Frage der Formulierung als vielmehr der inneren Haltung. Anbetung im theologischen Sinne bedeutet, etwas als Gott zu behandeln, ihm göttlichen Status zuzuschreiben und es als letzte Instanz zu setzen. Dies untersagt Gott ausdrücklich im ersten Gebot: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (Ex 20). Es geht dabei nicht darum, jede Form von Ehrerbietung oder Bitte zu verbieten, sondern darum, kein Geschöpf an die Stelle Gottes zu setzen.

Im Kontext des Rosenkranzgebetes wird Maria nicht als Göttin angesehen, sondern als einzigartig von Gott geschaffenes, reines und vollkommenes Geschöpf. Die Bitte „Bitte für uns“ im Ave Maria ist keine Anbetung, sondern Ausdruck der Bitte um Fürsprache. Entscheidend ist die innere Haltung: Der Beter sieht Maria als von Gott erhobenes Geschöpf und bittet sie um Fürbitte, nicht um göttliche Intervention.

Die biblische Grundlage für diese Sichtweise findet sich im Geheimnis der Menschwerdung: Maria wird durch die Kraft des Höchsten „überschattet“ (Lk 1), was an die Gegenwart Gottes im Heiligtum erinnert. Christus nimmt seinen Leib aus Maria, sodass sie in einzigartiger Weise Ort der Gegenwart Gottes wird. Die Reinheit und Sündlosigkeit Mariens während der Empfängnis Christi wird als theologische Notwendigkeit betrachtet, um die Heiligkeit des Heiligtums zu wahren. Daraus folgt die Überzeugung, dass Maria nicht nur punktuell, sondern dauerhaft von Gott in Reinheit bewahrt wurde – eine Vorwegnahme dessen, was allen Erlösten in der Vollendung zuteilwerden soll (vgl. Eph 1).

Die Frage nach der angemessenen Verehrung Mariens wird häufig durch die Angst vor Übertreibung geprägt. Jedoch ist diese Sorge unbegründet, solange die Verehrung nicht in Anbetung umschlägt.

Ein Vergleich mit der Liebe zu Ehepartnern oder Kindern verdeutlicht, dass geordnete Zuneigung und Treue nicht zwangsläufig in Götzendienst münden. Oft wird die Frage gestellt: „Ab wann entwickelt sich Verehrung zur Anbetung?“ In solchen Fällen empfiehlt es sich, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Beispielsweise kann gefragt werden: Ab welchem Punkt wird die Liebe zu einer Ehepartnerin zum Götzendienst oder ersetzt Christus als Mittelpunkt? Diese Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten. Genau hierin liegt die Herausforderung: Entscheidend sind die innere Haltung und die Intention des Einzelnen.

Kritik an marianischen Gebeten, die scheinbar Maria eine rettende Funktion zuschreiben, wird mit dem Verweis auf die Fürbitte des Mose entkräftet. Die Schrift belegt, dass Gott auf die Fürsprache seiner Diener hört und handelt:

7 Da sprach der HERR zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus dem Land Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben. 8 Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht, sich vor ihm niedergeworfen und ihm Opfer geschlachtet, wobei sie sagten: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben. 9 Weiter sprach der HERR zu Mose: Ich habe dieses Volk gesehen und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk. 10 Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt! Dich aber will ich zu einem großen Volk machen. 11 Mose aber besänftigte den HERRN, seinen Gott, indem er sagte: Wozu, HERR, soll dein Zorn gegen dein Volk entbrennen, das du mit großer Macht und starker Hand aus dem Land Ägypten herausgeführt hast. 12 Wozu sollen die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Unheil reuen, das du deinem Volk antun wolltest! 13 Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du selbst geschworen und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen. 14 Da ließ sich der HERR das Unheil reuen, das er seinem Volk angedroht hatte. (Ex 32, 7-14)

Fürbitte ist demnach keine Konkurrenz zu Gott, sondern Ausdruck seiner Ordnung und seines Willens, durch Geschöpfe zu wirken.Das Neue Testament hebt die besondere Rolle Mariens hervor: Durch ihren Gruß wird Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt, und Johannes der Täufer reagiert bereits im Mutterleib auf Marias Stimme. Die Schrift selbst zeigt somit, dass die Ehrung Mariens nicht Götzendienst ist, sondern biblisch legitimiert und vom Heiligen Geist gewirkt.

Weiter lässt sich festhalten: Die katholische und orthodoxe Praxis der Verehrung Mariens ist im Einklang mit der Schrift. Maria wird nicht als Ersatzgottheit betrachtet, sondern als Mutter des Herrn, die in der Ordnung der Fürbitte steht. Das Rosenkranzgebet fördert die Vertiefung des Geheimnisses der Menschwerdung Christi und betont, dass allein Gott angebetet wird. Die Verehrung Mariens ist demnach biblisch, christologisch und geistlich geordnet. Als der Engel Gabriel zu Maria kommt, steht sie vor einer entscheidenden Weggabelung ihres Lebens. Ihre Nachfrage – „Wie soll das geschehen?“ – entspringt keinem Zweifel oder Widerstand, sondern einem aufrichtigen Bemühen, den Willen Gottes zu verstehen und in Freiheit anzunehmen. Dieser Dialog offenbart, dass der Glaube nach katholischer Lehre nicht blinder Gehorsam ist, sondern ein aktives Mitdenken und ein freies, von der Vernunft getragenes Ja zum göttlichen Ruf. Die Antwort Mariens wird so zum Inbegriff des gläubigen Gehorsams: Sie nimmt die Botschaft Gottes im Vertrauen an und spricht ihr Fiat – „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lk 1,38). Damit wird Maria zur Urgestalt der Glaubensbereitschaft und steht exemplarisch für das freie Mitwirken des Menschen am Heilsplan Gottes (Kooperation, „cooperatio“).

Papst Franziskus unterscheidet in seiner Auslegung zwei Formen von Angst: Die eine verschließt den Menschen, die andere bleibt offen für das Wirken Gottes und nimmt Herausforderungen im Vertrauen an. Maria erlebt Furcht, doch sie lässt sich nicht lähmen, sondern tritt in einen Dialog mit Gott ein. Sie erschrickt, fragt nach und prüft im Herzen. Erst nachdem sie den göttlichen Willen erkannt hat, willigt sie aus Gehorsam und vertrauender Hingabe ein. Ihre Haltung ist nicht von Flucht oder Selbstdarstellung geprägt, sondern von einer tiefen Treue zu Gott. In der katholischen Mariologie gilt Maria deshalb als das vollkommenste Geschöpf, das durch ihre unbefleckte Empfängnis (Immaculata Conceptio) und ihr stets reines Ja zum Willen Gottes zur „Mutter des Erlösers“ und „neuen Eva“ wird.

Das Wesentliche dabei ist: Glaube bedeutet im katholischen Verständnis nicht, sofort alles zu begreifen oder ohne Fragen zu leben, sondern in Offenheit für Gottes Wirken und im ständigen Suchen nach seinem Willen zu verharren. Maria zeigt, dass das Vertrauen zu Gott im Alltag beginnt – nicht durch große Taten, sondern im stillen, beständigen Ja zu den täglichen Herausforderungen. Sie steht für einen Glauben, der fragt, prüft und dennoch bereit ist, sich auf den Weg zu machen. Ihr Beispiel unterstreicht, dass im christlichen Leben die Annahme der eigenen Ängste und das mutige Voranschreiten im Vertrauen auf Gottes Führung grundlegend sind.

So wird Maria im theologischen Sinne zum Vorbild für den Umgang mit göttlichem Ruf und menschlicher Furcht: Sie fragt ehrlich nach, prüft im Herzen und geht dann – Schritt für Schritt – im Vertrauen weiter. Ihr Fiat ist nach katholischer Lehre der entscheidende Akt der Mitwirkung am Heilsgeschehen (Heilsgeschichte), durch den sie zur „Mitarbeiterin am Erlöserwerk“ („Cooperatrix“) wird. Die Kirche verehrt Maria deshalb nicht nur als Mutter Jesu, sondern als das vollkommenste Vorbild des Glaubensgehorsams, der Treue und der Bereitschaft, Gottes Heilswillen in Freiheit und Liebe zu entsprechen.

Zweitens: Der göttliche Ruf zur Treue ist nach katholisch-theologischer Tradition ein wesentliches Merkmal der christlichen Lebensführung, das sich nicht in auffälligen Gesten oder öffentlichen Anerkennungen erschöpft, sondern vor allem im verborgenen, beständigen Vollzug des Alltags entfaltet. Die Treue, zu der Gott beruft, gründet in der Gnade und ist Ausdruck einer inneren Bereitschaft, im Licht des Glaubens zu verharren und das einmal Erkannte mit Konsequenz und Ausdauer zu leben. Sie zeigt sich in den kleinen, oft unbeachteten Entscheidungen, die aus einer gefestigten geistlichen Haltung und dem festen Willen zur Nachfolge Christi erwachsen. In der katholischen Spiritualität bedeutet Treue, an der Wahrheit festzuhalten, die im Glauben empfangen wurde, und die daraus erwachsenden Verpflichtungen in Liebe und Demut zu erfüllen. Die Tugend der Treue ist dabei eng mit der theologischen Tugend der Hoffnung verbunden, die den Gläubigen befähigt, auch in Zeiten der Prüfung und Trostlosigkeit auszuharren und im Vertrauen auf Gottes Verheißungen standhaft zu bleiben.

Drittens: Nach traditioneller Lehre ist Gott selbst die Quelle aller Kraft und allen Mutes, um dem göttlichen Ruf zu folgen. Der Ruf Gottes fordert den Menschen heraus, die Sicherheit des Gewohnten zu verlassen und sich den Herausforderungen und den eigenen Ängsten zu stellen, die das Leben begleiten. Durch das Vertrauen auf die Nähe und Gegenwart Gottes wird der Gläubige befähigt, die Komfortzone zu überschreiten und im Glauben neue Wege zu gehen. In der katholischen Theologie wird die Erfahrung der Schwachheit nicht als Defizit, sondern als Ort der Gottesbegegnung verstanden: „Meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig“ (vgl. 2 Kor 12,9). Gottes Stärke offenbart sich gerade dort, wo der Mensch seine Begrenztheit anerkennt und sich dem Wirken der Gnade öffnet. So wird das Wagnis, auf den Ruf Gottes zu antworten, zum Weg der Heiligung und zur Teilhabe am Erlösungswerk Christi.

Die Schule des Vertrauens, wie sie Maria in der katholischen Mariologie verkörpert, ist ein zentrales Vorbild für den gläubigen Menschen. Maria begegnet dem göttlichen Ruf nicht durch spontanen Impuls oder bloße Gefühlsregung, sondern durch ein prüfendes Nachfragen, ein besonnenes Erwägen und ein schließlich demütiges Einwilligen in Gottes Willen. Ihr Verhalten ist gekennzeichnet durch eine Haltung des Gehorsams und der Hingabe, die in der Tradition als fiat („Mir geschehe, wie du gesagt hast“) verehrt wird. Die Mariologie betont, dass Maria nicht beim ersten Schrecken verharrt, sondern diesen im Glauben überwindet; sie fragt nach, ohne in selbstbezogenen Zweifeln zu kreisen; sie vertraut dem göttlichen Wort und macht sich in Glaubensbereitschaft auf den Weg. Damit wird Maria zur vollkommenen Mitarbeiterin am Erlösungswerk Christi (Cooperatrix) und zur Lehrmeisterin des Vertrauens, deren Beispiel die Gläubigen dazu anleitet, nicht den wechselnden Gefühlen, sondern dem Wort Gottes zu trauen und im Glauben auszuharren. Die katholische Tradition sieht in Maria eine Mittlerin und Fürsprecherin, deren Treue und Vertrauen den Weg für das Wirken der göttlichen Gnade bereiten.[1]

Maria ist nicht nur eine ferne Gestalt aus alten Zeiten, sondern wird für uns zur Begleiterin auf dem Weg der Nachfolge Christi und zwar nicht als Alternative oder Umweg zu Christus, sondern ganz aus ihm und auf ihn hin. Alles, was Maria ist und wie sie handelt, verweist auf ihn, ihren Sohn. In ihrer Lebensgeschichte und ihrem Glauben entdecken wir keine komplizierte Theorie, sondern eine lebendige, alltagstaugliche Spiritualität, die mitten in unser eigenes Leben hineinreicht. Maria bleibt an der Seite der Jünger, und so steht sie auch an unserer Seite – nicht auf einem Podest, sondern als Schwester im Glauben, die uns den Weg zeigen will, wie Vertrauen und Hoffnung im Alltag Gestalt gewinnen können.[2]

Ihr Glaube ist zutiefst praktisch und geerdet. Er hält nicht nur in Momenten der Freude und des Erfolgs stand, sondern bewährt sich gerade dann, wenn das Leben schwierig wird und Fragen offenbleiben. Maria hat erfahren, dass Treue oft im Kleinen beginnt: im stillen Ausharren, im geduldigen Dienen, im mutigen Ja zu den täglichen Herausforderungen. Sie hat Gottes überraschende Wege nicht nur akzeptiert, sondern sie in ihrem Herzen bewegt und angenommen. Ihr Beispiel zeigt, dass Glaube nicht bedeutet, alle Antworten parat zu haben, sondern offen zu sein für das, was Gott bereithält, auch wenn es anders kommt als erwartet.

Wer von Maria lernt, wird nicht mit komplizierten Glaubenssätzen oder abgehobenen Begriffen konfrontiert. Vielmehr öffnet sich ein Weg, auf dem Herz und Verstand zusammengehen dürfen. Es geht darum, Fragen zuzulassen, Unsicherheiten auszuhalten und trotzdem zu gehen und zwar immer im Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht. Marias Spiritualität ist sozusagen eine Spiritualität für den Alltag: Sie passt in das bunte Leben einer Familie, in den Trubel des Berufsalltags, in die leisen, müden Stunden am Abend, wenn Kraft und Worte fehlen. Was bleibt, ist nichts Abgehobenes, sondern etwas ganz Konkretes: ein ehrliches Gebet, das aus dem Herzen kommt; ein nächster Schritt, auch wenn man den ganzen Weg noch nicht sieht; eine bewusste Entscheidung zur Treue, selbst wenn es manchmal kostet. Und wenn die Angst oder die Unsicherheit sich meldet, lädt uns Maria ein, sie mit offenen Händen anzunehmen – nicht als Hindernis, sondern als Teil des Weges mit Gott. So wird der Alltag zur Bühne des Glaubens: Maria geht mit und hilft, immer wieder neu aufzubrechen, im Vertrauen zu wachsen und im Kleinen Großes zu entdecken. Diese Haltung macht den Glauben echt, menschlich und tragfähig – eine Spiritualität, die wirklich im Leben ankommt. Genau dort wirkt Gott.[3]

Viele kennen Maximilian Kolbe als Märtyrer von Auschwitz, doch ebenso prägend ist seine tiefe, theologisch durchdrungene Marienverehrung. Unermüdlich hat er nach der Stellung Mariens vor Gott gefragt und das Geheimnis ihrer Sendung in engster Beziehung zum Heiligen Geist betrachtet. In Lourdes offenbarte sich Maria nicht mit den Worten „ich wurde ohne Sünde empfangen“, sondern mit dem existenziellen „ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Für Kolbe liegt darin ein Schlüssel: Im innergöttlichen Leben existiert die ungeschaffene Empfängnis – der Heilige Geist –, während in der Heilsgeschichte Maria als die geschaffene Unbefleckte Empfängnis erscheint. Diese Verbundenheit ist so innig, dass Kolbe von einer Art Durchdringung, einer gewissermaßen „Quasi-Inkarnation“ des Heiligen Geistes in Maria spricht. Dabei bleibt es Bildsprache, die nicht etwa eine zweite Menschwerdung behauptet und niemals Christus zur Seite stellt, sondern vielmehr die einzigartige Rolle Mariens im Heilsplan Gottes kontempliert. Es beschreibt die einzigartige Nähe und Mitwirkung Mariens unter dem Heiligen Geist.[4]

Kolbe bewegt sich damit in der großen franziskanischen Tradition, in der Theologie nicht Selbstzweck bleibt, sondern zum Gebet hinführt und im Herzen Liebe wachsen lässt. Bonaventura unterscheidet drei Zugangsweisen zum Glauben: das Symbol, also das gläubige Leben und Bekennen des Credo; das Denken, das die Vernunft sucht und zur Klärung strebt; und schließlich die Mystik, in der der Geist den Menschen in das Geheimnis Gottes eintauchen lässt. In Kolbe finden sich alle drei Dimensionen vereint: Sein Leben ist von Gebet durchdrungen, sein Denken ist präzise und klar, und seine Sprache bleibt so lebendig, dass sie auch die einfachen Gläubigen mitnimmt und ins Geheimnis hineinführt.

Eines meiner größten Fragen war die Frage der Mittlerschaft. Lasst es mich ganz klar sagen: Es gibt nur einen Mittler, Christus. Maria nimmt ihm nichts weg. Sie dient mütterlich und untergeordnet seinem Werk. So lehrt es das Konzil. Marias Einfluss fließt aus Christi Mittlerschaft und hängt ganz von ihr ab.[5] Johannes Paul der Zweite entfaltet das als mütterliche Vermittlung im Leben der Kirche.[6] Das ist nüchtern und bewahrt die Mitte. Wer über Maria spricht, muss immer bei Christus bleiben. Alles, was man über sie sagt, ist von seinem Licht her zu verstehen.

Aber wie kann Maria alle unsere Bitten an sie hören und uns sehen? Dazu habe ich mir in den letzten Monaten sehr viele Gedanken gemacht. Und ich glaube, dass in der Tiefe der göttlichen Gegenwart erkennen die Seligen, getragen vom Licht der Herrlichkeit, weit mehr als unser begrenztes irdisches Begreifen je zu fassen vermag. Maria sieht in diesem Licht nicht nur das Antlitz Gottes, sondern in seinem Herzen auch jedes ihrer Kinder, das nach Trost, Nähe und Führung sucht. Ihr Blick umfängt nicht distanziert, sondern mütterlich warm, persönlich, voller Anteilnahme und Liebe. Das Band, das sie mit Christus verknüpft, ist so innig, dass ihr Wollen und Wirken aus der vollkommenen Einheit mit dem göttlichen Willen erwächst – eine Einheit, die nicht trennt, sondern eint, nicht konkurriert, sondern dient.

Ihre Fürsprache geschieht nicht nach dem Muster menschlicher Distanz oder bürokratischer Vermittlung, sondern gleicht vielmehr einer lebendigen, atmenden Beziehung, die im Herzen Gottes wurzelt und von dort aus in das Leben jedes Einzelnen hineinströmt. Sie kennt unsere Hoffnungen und Ängste im Licht der Ewigkeit, nimmt sie auf und trägt sie zu Christus, ihrem Sohn. Darin verwirklicht sich keine Konkurrenz zur Gnade Gottes, sondern vielmehr der Weg, den Gott selbst in seiner überfließenden Liebe erwählt hat: Uns in Christus durch das mütterliche Herz Mariens zu begleiten, zu schützen, zu ermutigen.

So wird Maria zur leisen, aber kraftvollen Begleiterin auf den verschlungenen Pfaden unseres Lebens. Sie ist nicht eine ferne Königin auf unnahbarem Thron, sondern eine Schwester im Glauben, die uns an die Hand nimmt und mit uns das Wagnis des Glaubens teilt. Wo wir uns verloren oder klein fühlen, öffnet sie uns den Raum des Vertrauens, lässt uns spüren, dass wir geborgen sind im Herzen Gottes, eingebettet in das große Geflecht der Heiligen, die mit uns und für uns beten. In dieser Gemeinschaft der Heiligen, in der Himmel und Erde sich berühren, wird der Glaube lebendig, tröstlich, tragfähig. Maria bleibt an unserer Seite, wenn Worte versagen und die Schritte schwer werden, sie erinnert uns daran, dass das Licht Gottes niemals erlischt. Ihre Nähe, ihre Fürsprache, ihr mütterliches Dasein sind Einladung, Gott immer tiefer zu vertrauen – gerade dann, wenn unser eigener Glaube schwach und tastend bleibt. So führt Maria uns nicht von Christus weg, sondern immer tiefer zu seinem Herzen, wo jede Seele ihr Zuhause findet.

Was bedeutet es, dass Gnaden durch Maria kommen. Vereinfacht gesagt: Es gibt heiligmachende Gnade, die uns zu Kindern Gottes macht, und helfende Gnaden, die uns aufrichten, bewahren und wachsen lassen. Gott wollte, dass Maria als neue Eva daran mütterlich beteiligt ist, immer von Christus her. Biblische Bilder helfen beim Verstehen. Maria als neue Eva an der Seite des neuen Adam. Maria als Bundeslade, die die Gegenwart Gottes trägt. Maria als Königinmutter, die beim Sohn Fürbitte einlegt. Diese Bilder zeigen keine Konkurrenz zu Christus, sondern seine Art zu handeln: Gott rettet nicht unpersönlich, er bindet Menschen ein und erhöht sie in seinem Dienst.[7] Ganz praktisch wird das im Rosenkranz. Der Rosenkranz ist wie eine einfache Lectio divina zum Mitnehmen. Man betrachtet die Geheimnisse Christi mit den Augen der Mutter. Durch die wiederholte Betrachtung werden die Inhalte assimiliert und prägen das Herz. So wächst Liebe, und der Glaube wird ruhig und belastbar.⁶

Ein weiterer Punkt, der hilft, vieles einzuordnen, ist die Frage nach der absoluten Vorrangstellung Christi und, mit ihm verbunden, Mariens in Gottes Plan. Die Schule des Johannes Duns Scotus sagt: Inkarnation, ob wir gesündigt hätten oder nicht. Dann sind Jesus und Maria im Ratschluss Gottes zuerst gedacht. Das ist keine definierte Lehre, aber eine legitime theologische Meinung. Sie erklärt, warum Maria so zentral steht, und gleichzeitig bleibt klar: Alles ist unter Christus, aus Christus und auf Christus hin.[8] Was heißt das für die persönliche Frömmigkeit. Gesund ist alles, was die Nachfolge Jesu fördert. Marienverehrung ist gesund, wenn sie dankbar, nüchtern und christuszentriert bleibt. Ein guter Prüfstein ist Kana. Maria sagt: Tut, was er euch sagt. Wer mit Maria geht, landet nicht bei einer Sonderwelt, sondern mitten im Evangelium, bei Gehorsam, Liebe und Anbetung. So einfach, so tief.[9]


[1] Franziskus, Ave Maria, S. 32 bis 33.

[2] Franziskus, Ave Maria, S. 34

[3] Ebd., S. 33.

[4] H. M. Manteau-Bonamy, Immaculate Conception and the Holy Spirit: The Marian Teachings of St. Maximilian Kolbe (Libertyville: Franciscan Marytown Press, 1977), S. 3–5, 53, 63–64, 109, 133–134.

[5] Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen gentium 60–62.

[6] Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater 38–40.

[7] Scott Hahn, Hail, Holy Queen: The Mother of God in the Word of God (New York: Doubleday, 2001), S. 17–19, 24–29, 38–41.

[8] Ebd., S. 24-29 und 38

[9] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Rosarium Virginis Mariae 26.

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