Die Auseinandersetzung mit der Theologie des Kreuzes ermöglicht einen vertieften Zugang zu diesem zentralen Thema des christlichen Glaubens. Basierend auf persönlichen Erfahrungen aus verschiedenen konfessionellen Kontexten wird hier versucht, eine Brücke zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu schlagen. Im Vordergrund steht Gottes Liebe, die sich nach christlichem Verständnis im Geschehen am Kreuz manifestiert und nicht primär in einem juristischen Deutungsrahmen. Der Katechismus formuliert hierzu zusammenfassend, dass Gott seine Liebe dadurch zeigt, dass er seinen eigenen Sohn für die Menschen hingibt. Diese Hingabe bildet den Ausgangspunkt und Maßstab jeder theologischen Reflexion über das Kreuz.[1]

Jesus selbst lehrt, wie wir Gottes Gesetz verstehen. Er nennt das Doppelgebot die erste und große Hermeneutik der ganzen Schrift: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft, und deinen Nächsten wie dich selbst. Dieses Doppelgebot ordnet alles, auch unsere Rede von Sünde, Opfer und Erlösung (Deuteronomium 6,5)

Was meint „Penal Substitution“ und was ist das Problem

Unter dem Konzept der Penal Substitution versteht man die Auffassung, dass Christus stellvertretend eine Strafe auf sich genommen hat, die nach traditionellem Verständnis dem Menschen selbst auferlegt werden müsste. Im evangelikalen Kontext wurde diese Sichtweise klassisch durch J. I. Packer vertreten, der von der Logik einer stellvertretenden Strafübernahme spricht.

Jesus selbst lehrt, das göttliche Gesetz im Licht der Nächsten- und Gottesliebe zu interpretieren. Das sogenannte Doppelgebot – die Liebe zu Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft sowie die Liebe zum Nächsten – bildet seiner Aussage nach die grundlegende Hermeneutik der gesamten Heiligen Schrift (vgl. Deuteronomium 6,5). Diese Grundordnung der Liebe dient nicht nur als Maßstab für ethisches Handeln, sondern ist ebenso maßgeblich für das theologische Verständnis von Sünde, Opfer und Erlösung.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Frage nach einer sachgerechten Interpretation des Erlösungswerks Christi, insbesondere in Hinblick auf verschiedene theologische Modelle, die im Verlauf der Kirchengeschichte entwickelt wurden. Ein besonders kontrovers diskutierter Ansatz ist die sogenannte „Penal Substitution“ (straferleidende Stellvertretung), die vor allem im evangelikalen Protestantismus vertreten wird. Es stellt sich daher die Frage, wie dieses Modell konkret verstanden wird und welche Herausforderungen es speziell aus katholischer Perspektive mit sich bringt.[2]

John Stott entwickelt die Kreuzestheologie umfassend und unterstreicht, dass die Vorstellung von drei getrennten Akteuren – dem schuldigen Menschen, dem strafenden Richter und dem unschuldigen Opfer – abzulehnen ist. Das Wesentliche des Kreuzes umfasst Gottes eigenes Handeln in Christus: Gott wirkt an den Menschen, indem er sich selbst hingibt.[3]

Die katholische Tradition legt Wert auf die ernsthafte Auseinandersetzung mit Schuld und Gericht, lehnt jedoch ein Gottesbild ab, in dem der Vater dem Sohn von außen eine Strafe auferlegt. Stattdessen wird das Konzept der stellvertretenden Genugtuung und Repräsentation betont. Christus gilt als unser Haupt und neuer Adam, der durch Liebe das Gesetz vollständig erfüllt und somit Gottes Gerechtigkeit anerkennt. Die Genugtuung wird nicht als Zahlung einer externen Strafschuld verstanden, sondern als Wiederherstellung der Ordnung der Liebe durch Gehorsam bis zum Tod. Thomas von Aquin beschreibt dieses Verständnis in seiner Lehre von der satisfactio Christi.[4] Jesaja 53 beschreibt den leidenden Gottesknecht. Paulus formuliert pointiert: „Er, der keine Sünde kannte, wurde für uns zur Sünde, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden.“ Dabei ist ein wichtiger alttestamentlicher Bezug zu beachten. Im griechischen Alten Testament kann das Wort hamartia auch als Sündopfer verstanden werden. Paulus legt damit nahe, dass Christus nicht zum Sünder wurde, sondern vielmehr aus Liebe als Sündopfer dargebracht wurde.[5] Der Hebräerbrief präsentiert Christus als einen ewigen Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks und betrachtet sein Opfer als ein einmaliges und zugleich fortdauerndes Ereignis. Dieses Opfer ist einzigartig, da es nicht wiederholbar ist, und gleichzeitig gegenwärtig, weil Christus als Auferstandener vor dem Vater für die Gläubigen eintritt. Daher erklärt der Katechismus, dass das eine Opfer Christi im Gedächtnis der Kirche sakramental vergegenwärtigt wird. Die Aussage „ein für allemal“ bezieht sich somit auf die fortwährende Wirksamkeit dieses Opfers und nicht auf dessen Beendigung.[6] Im letzten Buch der Bibel wird Christus insbesondere als das Lamm dargestellt. Dieses Bild ist zentral und zieht sich als Haupttitel durch die gesamte Offenbarung. Die himmlische Liturgie fokussiert auf das Opfer und die Auferstehung des Lammes, dessen Blut zur Erlösung führt. In der frühen Kirche wurden daher der Hebräerbrief und die Offenbarung als zentrale Schriften für das Verständnis der Eucharistie betrachtet.


[1] Katechismus der Katholischen Kirche, 604.

[2] J. I. Packer, What did the Cross Achieve? The Logic of Penal Substitution, bes. S. 11 bis 19.

[3] John R. W. Stott, The Cross of Christ, Hinweis gegen das Drei Akteure Missverständnis, S. 158, sowie die Verschränkung von Liebe und Gerechtigkeit, S. 220.

[4] Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, q.48, über Genugtuung, Opfer und Verdienst Christi.

[5] 2 Korinther 5,21 und die alttestamentliche Bedeutung von hamartia als Sündopfer, siehe die philologische Erläuterung.

[6] Katechismus 1364 und 1367, das eine Opfer Christi ist ein für allemal und sakramental gegenwärtig.

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