In der Bibel wird das Opfer primär als Ausdruck gelebter Liebe und nicht als Strafe verstanden. Im Epheserbrief 5 wird Christus als Liebesopfer und Wohlgeruch bezeichnet. Sünde kann aus theologischer Perspektive als mangelnde Bereitschaft zur Liebe interpretiert werden. Indem Christus – als der neue Adam – mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand und ganzer Kraft liebt, erfüllt er das Gesetz vollständig und würdigt so Gottes Gerechtigkeit. Nach Anselm von Canterbury besteht die Erlösung darin, dass Christus als Gottmensch den unbedingten Gehorsam der Liebe vollbringt, den der Mensch Gott schuldet. Bekannt ist insbesondere die Aussage, Christus habe eine Schuld beglichen, die er selbst nicht hatte, da wir Menschen eine Schuld besitzen, die wir nicht begleichen können. Anselm entwickelt dieses Motiv ausführlich in seinem Werk Cur Deus Homo.[1]
Aquinus erläutert darüber hinaus, dass Christus nicht als außenstehender Dritter bestraft wird, sondern als unser Haupt und Repräsentant in liebevoller Weise Wiedergutmachung leistet. Sein Leiden erfolgt freiwillig, aus innerer Überzeugung und mit Hingabe. Dadurch wird die Gerechtigkeit Gottes gewahrt, da die durch uns verletzte Ordnung der Liebe von Grund auf erneuert wird.[2]
Die fünf Opferarten im Buch Levitikus – Brandopfer, Speiseopfer, Heilsopfer, Sündopfer und Schuldopfer – sind als unterschiedliche Aspekte eines gemeinsamen Geheimnisses zu verstehen, das in Christus seine Erfüllung findet. Christus wird etwa als Brandopfer durch seine vollkommene Hingabe, als Sündopfer durch die Übernahme der Schuld sowie als Dankopfer zur Feier der Gemeinschaft interpretiert. Diese Vielschichtigkeit trägt dazu bei, einseitige Auslegungen zu vermeiden. Sie verdeutlicht zudem, weshalb Paulus im zweiten Korintherbrief, Kapitel 5, explizit auf das Motiv des Sündopfers eingeht.[3] Die Messe stellt das Kreuzesgeschehen nicht erneut dar. Da Christus als ewiger Priester gilt, besitzt sein Opfer einmaligen und dauerhaft wirksamen Charakter. Die Eucharistie vergegenwärtigt dieses einzigartige Opfer, um den Gläubigen die Teilhabe daran zu ermöglichen. Der Katechismus betont ausdrücklich, dass es sich um eine einzige Opfergabe handelt, die im Gedächtnis der Kirche sakramental vergegenwärtigt wird.[4] Jesus beantwortet die Frage nach dem höchsten Gebot nicht lediglich durch Worte, sondern erfüllt es durch sein eigenes Handeln stellvertretend für alle Menschen. Damit wird sein Opfer als gerecht charakterisiert: Er liebt den Vater mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Denken und ganzer Kraft und begegnet seinem Nächsten in höchster Hingabe – bis zum Tod. So verwirklicht er die Gebote aus Dtn 6,5 und Lev 19,18 in vollkommener Weise und verdeutlicht damit, was dem Menschen selbst häufig misslingt. Sein Gehorsam bis zum Kreuzestod ist keine äußerlich aufgedrängte Sanktion, sondern Ausdruck der inneren Haltung einer Liebe, die Gottes Gerechtigkeit achtet und die gestörte Ordnung der Liebe wiederherstellt.
Das Kreuz wird somit zur Handlung des Sohnes, der als Haupt und „neuer Adam“ an unserer Stelle das bejahende Wort spricht, das Adam verweigerte. Diese Deutung findet sich in der Schrift, wenn sie betont, dass viele durch den Gehorsam eines Einzelnen gerecht werden und dass der Sohn durch Leiden Gehorsam lernte und so zum Urheber des Heils für alle wurde, die ihm folgen. Auch Jesu eigene Worte, dass die Welt erkennen solle, dass er den Vater liebt und dessen Willen ausführt, unterstreichen diesen Zusammenhang. Folglich ist das Opfer Jesu gerecht, da es die gesamte Forderung des Gesetzes der Liebe erfüllt und die Glaubenden als Repräsentanten einbezieht. Deshalb kann Paulus formulieren, dass Christus, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir in ihm zu Gottes Gerechtigkeit werden. In der Eucharistie wird diese erfüllte Liebe gegenwärtig und eröffnet Gläubigen die Möglichkeit, Anteil an diesem Ja zu erhalten und durch den Geist zur Erfüllung der Liebe befähigt zu werden, welche das Gebot fordert. Es ist angebracht, den protestantischen Ernst gegenüber Gottes Zorn und Gerechtigkeit anzuerkennen, wie Packer ihn präzise dargelegt hat. Stott korrigiert Missverständnisse und hebt hervor, dass Gott am Kreuz selbst handelt – nicht der Vater gegen den Sohn. Der katholische Ansatz schlägt vor, dies nicht zu relativieren, sondern weiterzuführen: Die Gerichtssprache steht im weiteren Kontext der Logik der Liebe. Die Gerechtigkeit wird dabei nicht umgangen, sondern tiefer erfüllt, indem die Liebe des Sohnes die menschliche Sünde überwindet.[5]
Das Kreuz Jesu Christi ist nur im Kontext der gesamten Heilsgeschichte verständlich. Es handelt sich nicht um ein isoliertes Ereignis oder lediglich um das tragische Ende eines prophetischen Lebens, sondern vielmehr um die Vollendung eines übergeordneten göttlichen Plans, der bereits auf den frühen Seiten der Heiligen Schrift angelegt ist. Die katholische Kirche betrachtet das Alte und Neue Testament als eine zusammenhängende, sich entfaltende Offenbarung. Präfigurationen im Alten Bund finden ihre Erfüllung im Neuen Bund. Dieses Leitprinzip prägt das Verständnis von Sakramenten, Priestertum, liturgischem Ablauf und in besonderer Weise vom Kreuz. Die Passionsgeschichte bietet mit der Figur des Barabbas eine Szene von hoher theologischer Bedeutung. Alle vier Evangelien berichten, dass Pilatus zum Paschafest dem Volk die Freilassung eines Gefangenen anbietet. Barabbas wird dabei als Aufrührer, Mörder und Gesetzesbrecher charakterisiert.[6]
Die Schuld des Barabbas steht außer Frage. Im Gegensatz dazu erkennt Pilatus die Unschuld Jesu und unternimmt wiederholt den Versuch, dessen Freilassung zu erwirken. Dennoch besteht die Volksmenge mit Nachdruck auf der Freilassung des Barabbas sowie auf der Kreuzigung Jesu.[7] Bereits auf der Ebene der Namensgebung öffnet sich hier ein tieferer Sinn. Barabbas bedeutet wörtlich „Sohn des Vaters“. Mehrere frühe Handschriften des Matthäusevangeliums bezeugen sogar den Namen Jesus Barabbas.[8] Pilatus stellt dem Volk damit sinngemäß zwei Jesus gegenüber. Den Jesus Barabbas und den Jesus, der Christus genannt wird (Mt 27, 17). Der eine ist schuldig, der andere unschuldig. Der eine hat das Gesetz gebrochen, der andere hat es vollkommen erfüllt. Der eine wird freigelassen, der andere dem Tod überantwortet. Diese Wahl ist keine zufällige politische Entscheidung, sondern eine Offenlegung des menschlichen Zustands vor Gott. Der Mensch wählt instinktiv den, der ihm ähnlicher ist. Den Schuldigen statt des Gerechten. Den, der das Gesetz gebrochen hat, statt den, der es erfüllt. Doch gerade in dieser verfehlten Wahl vollzieht sich die Heilsgeschichte.
Barabbas ist nicht nur eine historische Gestalt, sondern fungiert als Symbolfigur für den Menschen, dessen Leben durch das stellvertretende Opfer eines anderen ermöglicht wird. Die Evangelien liefern keine Hinweise auf Reue, Dankbarkeit oder Umkehr bei Barabbas. Seine Freilassung erfolgte nicht aufgrund eigener Gerechtigkeit, sondern weil seine Schuld auf einen anderen übertragen wurde (vgl. Mt 27,26). Diese Thematik hat ihren Ursprung im Alten Testament. Im Buch Levitikus wird der Versöhnungstag beschrieben: Zwei Böcke werden vor den Herrn gestellt (Lev 16,7). Über einen wird das Los für den Herrn geworfen, dieser wird geopfert; sein Blut dient zur Sühnung für das Heiligtum und das Volk (Lev 16,15–16). Der andere Bock erhält die auf ihn übertragene Schuld Israels durch das Bekenntnis des Hohenpriesters und wird anschließend in die Wüste geschickt, beladen mit den Sünden des Volkes (Lev 16,22).
Dieses Ritual stellt mehr dar als eine symbolische Handlung; es handelt sich um eine heilsgeschichtliche Anordnung, bei der Schuld nicht verneint, sondern weitergegeben wird. Erlösung ist dabei grundsätzlich mit einem Opfer verbunden. Im Licht dieses alttestamentlichen Kontextes erhält die Szene mit Barabbas neue Verständlichkeit. Christus wird im Neuen Testament als das endgültige Opfer bezeichnet, das ein für alle Mal dargebracht wurde (Hebr 9,12). Barabbas entspricht somit dem freigelassenen Schuldträger, dessen Leben erhalten bleibt, weil ein anderer sein Schicksal übernommen hat. Der Hebräerbrief thematisiert diese Sachverhalte mit besonderer Deutlichkeit. Die Opfer des Alten Bundes waren temporär und mussten wiederholt dargebracht werden, da sie keine endgültige Sühne bewirkten (Hebr 10,1–4). Christus hingegen tritt als Hoherpriester einmalig in das himmlische Heiligtum ein – nicht mit fremdem, sondern mit eigenem Blut (Hebr 9,11–12). Er vereint in seiner Person sowohl Priester- als auch Opferrolle und ist als Sündloser einzigartig befähigt, die Sünde der Welt zu tragen (Hebr 4,15). Johannes der Täufer beschreibt ihn folglich als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt (Joh 1,29). Die Darstellung macht deutlich, dass das Kreuz nicht Ausdruck göttlicher Willkür ist. Vielmehr bezeugt die Schrift, dass der Lohn der Sünde der Tod ist, während die Gabe Gottes das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn, bedeutet (Röm 6,23). Der Tod umfasst dabei nicht ausschließlich das biologische Ende, sondern primär die Trennung von Gott. Christus nimmt diese Gottverlassenheit freiwillig auf sich, um dem Menschen den Weg zur Versöhnung zu eröffnen.
Die katholische Theologie interpretiert dieses stellvertretende Handeln stets in Verbindung mit aktiver Teilhabe. Christus stirbt für die Menschheit, jedoch nicht ausschließlich an ihrer Stelle im Sinne eines rein juristischen Ersatzes. Sein Tod eröffnet vielmehr den Raum, in den der Mensch aufgenommen wird. Paulus bringt dies im Neuen Testament zum Ausdruck: Gott hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm zur Gerechtigkeit Gottes werden. Diese Gerechtigkeit wird nicht lediglich angerechnet, sondern geschenkt und eingegossen. Rechtfertigung bedeutet folglich nicht bloß eine Statusänderung, sondern eine innere Verwandlung. Das dargestellte Prinzip spiegelt sich durchgehend in der katholischen Sakramentenlehre wider. Die Taufe findet bereits im Alten Testament ihre Vorabbildung, beispielsweise im Durchzug Israels durch das Rote Meer, den Paulus explizit als Hinweis auf die Taufe interpretiert (1 Kor 10,1–2). Hierbei stirbt der alte Mensch und der neue entsteht (Röm 6,3–4). Dies verdeutlicht: Einer gibt sein Leben hin, damit ein anderer leben kann – nicht aufgrund der Unschuld des Getauften, sondern weil Christus bereits stellvertretend gestorben ist.
Auch für die Eucharistie gilt dieses Prinzip. Die Opferriten des Alten Bundes erhalten ihre Erfüllung im einmaligen Opfer Christi, das in der Messfeier sakramental vergegenwärtigt wird. Die Messe stellt dabei kein eigenständiges Opfer neben dem Kreuzesgeschehen dar, sondern ist dessen unblutige Vergegenwärtigung. Brot und Wein ersetzen die früheren Tieropfer; dies bedeutet keine Aufhebung, sondern die Vollendung des Opfers (vgl. Mt 5,17). Das Priestertum folgt ebenfalls dieser Logik. Der Hohepriester des Alten Bundes vermittelte zwischen Gott und dem Volk kraft göttlicher Berufung. Christus nimmt diese Rolle als wahrer Hohepriester mit einem einzigen Opfer endgültig wahr. Das katholische Priestertum steht daher nicht unabhängig neben Christus, sondern ist Teilhabe an seinem Amt. In persona Christi macht der Priester das eine Opfer gegenwärtig. Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass die Gegenüberstellung von Barabbas und Christus kein isoliertes Bild darstellt, sondern integraler Bestandteil eines kontinuierlichen göttlichen Handelns ist. Die Erlösung vollzieht sich konkret – durch Opfer, Blut, Wasser, Brot und Wein. Die Befreiung des Menschen gründet nicht allein in Erkenntnis, sondern in aktiver Teilhabe.
Barabbas wird freigelassen, Christus bleibt am Kreuz. Diese Gegenüberstellung bleibt mehr als eine historische Randnotiz; sie eröffnet jedem Einzelnen eine bleibende Fragestellung. Der Mensch hat die Option, Freiheit zu empfangen, ohne innere Veränderung zu erfahren, oder sich vom Kreuz zur Neuwerdung führen zu lassen. Das Kreuz erweist sich somit als mehr denn ein Symbol: Es ist Entscheidungspunkt, an dem sich Gericht und Gnade begegnen. Das Gesetz wird nicht abgeschafft, sondern erfüllt; Schuld wird nicht relativiert, sondern übernommen; Liebe manifestiert sich im konkreten Handeln.[9] Das Kreuz veranschaulicht die traditionelle Lehre der Kirche. Die im Alten Bund durch Gott initiierten Vorbereitungen finden ihre Erfüllung in Christus. Die von Christus am Kreuz vollbrachten Handlungen werden in der Kirche sakramental präsent gehalten, bis zu seiner Wiederkunft. Mit seinem einzigen Opfer hat er diejenigen, die geheiligt werden, dauerhaft zur Vollendung geführt.
[1] Anselm von Canterbury, Cur Deus Homo, klassische Formulierung der stellvertretenden Genugtuung, vgl. S. 82 bis 84.
[2] Thomas von Aquin, Summa Theologiae III, q.48, a.1 bis a.7, zur freien Liebe Christi als Form der Genugtuung.
[3] Zum Fünffach Opfer in Levitikus und 2 Kor 5,21 als Sündopfer Resonanz siehe die exegetische Notiz.
[4] Katechismus 1367, keine Wiederholung, sondern Gegenwärtigsetzung der einen Opfergabe.
[5] Vgl. Packer, What did the Cross Achieve? und Stott, The Cross of Christ, die protestantische Balance, sowie kritische Diskussionen.
[6] Mk 15,7; Lk 23,19; Joh 18,40.
[7] Mt 27,18; Joh 18,38.
[8] Vgl. Origenes, Kommentar zu Matthäus 27.






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