Die Kreuzzüge gehören zu den am meisten verfälschten Themen der gesamten Kirchengeschichte. Wer heute das Wort hört, denkt meist sofort an Fanatismus, Gier, Unterdrückung, Kolonialismus und religiösen Wahn. Genau dieses Bild ist aber selbst ein ideologisches Konstrukt späterer Jahrhunderte. Es ist nicht die ursprüngliche Wirklichkeit der Kreuzzüge, sondern eine Erzählung, die vor allem seit der Aufklärung und dann noch einmal im Geist des modernen Säkularismus gegen die Kirche in Stellung gebracht wurde. Man hat den Christen eingeredet, sie müssten sich für die Kreuzzüge pauschal schämen. Ich halte das für historisch falsch und geistlich fatal.

Wer die Kreuzzüge gerecht beurteilen will, muss zunächst den elementaren Ausgangspunkt verstehen. Die Kreuzzüge fielen nicht vom Himmel. Sie waren keine Laune eines machthungrigen Papsttums, das plötzlich beschloss, friedliche Muslime zu überfallen, um Beute und Land zu gewinnen. Sie waren eine Reaktion auf Jahrhunderte muslimischer Expansion. Als der Erste Kreuzzug ausgerufen wurde, waren bereits gewaltige Teile der alten christlichen Welt verloren. Große Zentren des frühen Christentums waren unter islamische Herrschaft geraten. Ehemals christliche Gebiete in Syrien, Palästina, Ägypten, Nordafrika und Kleinasien waren dem christlichen Herrschaftsbereich entzogen. Die Christen des Ostens standen unter massivem Druck. Es ging also nicht um die aggressive Expansion eines saturierten Westens, sondern um die Verteidigung einer Christenheit, die real bedrängt, zurückgedrängt und in vielen Regionen bereits besiegt worden war.1

Wer so tut, als seien die Muslime zur Zeit der Kreuzzüge einfach friedliche Nachbarn gewesen, die von den Christen grundlos angegriffen wurden, weiß es entweder nicht besser, oder lügt. Die muslimische Expansion hatte über Jahrhunderte hinweg christliche Gebiete verschlungen. Der Westen stand irgendwann vor der nüchternen Alternative: Entweder man verteidigt sich, oder man wird weiter zurückgedrängt. Genau hier lagen Ursprung und Rechtfertigung der Kreuzzüge. Sie waren aus Sicht der lateinischen Christenheit eine Form organisierter Gegenwehr, verbunden mit dem Ziel, bedrängten Christen zu helfen, verlorene Gebiete zurückzugewinnen und den Zugang zu den heiligen Stätten zu sichern. Man muss außerdem verstehen, dass die Kreuzzüge nicht bloß als militärische Expeditionen verstanden wurden. Im mittelalterlichen Denken waren sie ein Werk der Buße. Das ist für moderne Menschen schwer nachvollziehbar, weil wir in Kategorien von Staat, Armee, Geopolitik und Interessenpolitik denken. Der mittelalterliche Christ dachte anders. Für ihn war die Welt von Sünde, Gnade, Gericht, Buße und Heil durchdrungen. Ein Ritter, der sein Leben lang gekämpft hatte, war sich in der Regel sehr bewusst, dass er ein Sünder war. Er wusste, dass sein Stand, sein Reichtum und sein Beruf nicht automatisch ein frommes Leben bedeuteten. Gerade deshalb war die Idee mächtig, den eigenen Stand, also das Kämpfen, nicht bloß für weltliche Interessen, sondern als Bußwerk im Dienst Christi und seiner leidenden Glieder einzusetzen.2

Darum war der Kreuzzug eben nicht einfach nur ein Krieg, sondern eine bewaffnete Pilgerfahrt, bewaffnete Buße, bewaffneter Dienst. Die Kreuzfahrer verstanden sich selbst zunächst nicht einmal primär als Eroberer, sondern als Pilger, die unter Gelübde standen. Sie nahmen das Kreuz und verpflichteten sich, zu den heiligen Stätten zu ziehen und im Dienst Christi und seiner Kirche zu handeln. Darin lag auch der Sinn des Ablasses, den Papst Urban II. in Clermont zusagte. Nicht weil Töten heilig wäre, sondern weil der ganze Zug als Werk der Buße, des Opfers und der Hilfe für die bedrängten Christen verstanden wurde.

An dieser Stelle fällt bereits die moderne Legende zusammen, nach der die Kreuzfahrer im Grunde bloß geldgierige Beutejäger gewesen seien. Wenn ein Ritter im Mittelalter mehr Land, mehr Reichtum oder mehr Macht wollte, dann musste er nicht Tausende Kilometer in ein fremdes Land marschieren, in dem Sprache, Klima, Versorgung, Feindlage und Herrschaftsverhältnisse unübersichtlich waren. Er konnte sehr viel leichter den Nachbarn überfallen, einen lokalen Krieg führen oder sich im näheren Umfeld bereichern. Ein Kreuzzug war hingegen teuer, riskant und für viele wirtschaftlich ruinös. Die Teilnehmer mussten oft ein Mehrfaches ihres Jahreseinkommens aufbringen, um überhaupt aufbrechen zu können. Sie kauften Ausrüstung, organisierten Gefolge, finanzierten den Weg und trugen das enorme Risiko, nie zurückzukehren. Die Verlustraten waren hoch. Wer hier ernsthaft nur auf schnelle Beute spekuliert, rechnet schlechter als ein Narr.

Der Gedanke, man sei im Osten geblieben, um sich dort massenhaft neue Herrschaften zu schaffen, trägt ebenfalls nicht weit. Die überwältigende Mehrzahl der Kreuzfahrer wollte nach Erfüllung ihres Gelübdes heimkehren. Viele taten genau das, wenn sie überlebten. Wer blieb, tat dies nicht einfach aus Abenteuerlust, sondern häufig unter großen Opfern, weil Familie, Besitz und Bindungen im Westen zurückblieben. Das Bild vom Kreuzfahrer als mittelalterlichem Kolonialunternehmer ist ein Anachronismus. Es setzt moderne Begriffe in eine Welt ein, in der sie so gar nicht existierten. Hinzu kommt noch etwas, das man heute fast völlig vergessen hat. Es gab damals keine Nationen im modernen Sinn. Es gab Reiche, Fürstentümer, Regionen, Dynastien, Herrschaftsräume. Aber der durchschnittliche Mensch dachte nicht in der Weise des heutigen Nationalstaats. Das, was Europa im tiefsten Sinn verband, war der Glaube. Wenn Christen im Osten bedrängt wurden, empfanden viele im Westen dies nicht als fremdes Schicksal irgendeines anderen Volkes, sondern als Angriff auf den eigenen Leib, auf die Christenheit selbst. Der Papst war deshalb nicht einfach ein ferner Religionsfunktionär, sondern die einzige übergreifende Autorität des lateinischen Christentums. Als der byzantinische Kaiser Hilfe suchte, wandte er sich nicht an einen Nationalstaat im modernen Sinn, sondern an den Papst, weil nur von dort eine christenheitliche Antwort zu erwarten war.3

Papst Urban II. griff diesen Hilferuf auf. Auf dem Konzil von Clermont im Jahr 1095 legte er die Lage der Christen im Osten dar und rief die Ritter des Westens auf, ihren Glaubensbrüdern zu Hilfe zu kommen. Diese Predigt traf auf eine Kultur, in der Pilgerfahrt, Buße, Gebetsstiftungen, Klöster, Sühne und Sorge um das eigene Seelenheil tief verankert waren. Die Kreuzzugsbewegung entstand also nicht im luftleeren Raum, sondern aus einem bereits stark religiös geprägten Milieu. Die Männer, die das Kreuz nahmen, taten dies nicht deshalb, weil der Papst plötzlich einen imperialen Feldzug plante, sondern weil sie glaubten, hierin eine konkrete Möglichkeit zu sehen, als Sünder Buße zu tun und zugleich dem bedrängten Leib Christi zu dienen. Man muss sich die Lage im Osten dazu konkret vor Augen führen. Nach der Niederlage von Manzikert im Jahr 1071 war die byzantinische Lage in Kleinasien dramatisch schlechter geworden. Die seldschukischen Türken hatten weite Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht. Jerusalem befand sich in beklagenswertem Zustand. Der Zugang für Pilger wurde schwierig und gefährlich. Kirchen lagen in Trümmern. Die Christen im Osten litten. Für westliche Christen war das nicht irgendeine ferne Randnotiz, sondern die Schändung der heiligen Orte und die Bedrängnis der Brüder und Schwestern in Christus.4

Der Erste Kreuzzug war deshalb aus Sicht der lateinischen Christenheit ein Werk der Verteidigung und Wiederherstellung, ein bedeutender Moment in der Geschichte des Mittelalters. Die ursprüngliche Idee war, den byzantinischen Christen zu Hilfe zu kommen, die türkische Expansion in Kleinasien zurückzudrängen und den Zugang zu Jerusalem wieder zu ermöglichen, was für viele Gläubige das symbolische Zentrum des Christentums darstellte. Praktisch bedeutete das zunächst den Marsch nach Konstantinopel, eine Reise, die von großen Schwierigkeiten und Herausforderungen geprägt war, die Vereinigung mit byzantinischen Kräften und dann den Kampf gegen die Türken, die sich erbittert zur Wehr setzten. Nizäa wurde erfolgreich zurückerobert und an Byzanz zurückgegeben, was den Moral der Truppen erheblich steigerte und die Entschlossenheit festigte, den Glauben zu verteidigen. Später fiel Antiochia, was weitere strategische Vorteile für die Kreuzfahrer mit sich brachte.5 Schließlich wurde 1099 Jerusalem eingenommen, ein triumphaler Moment, der in die Geschichtsbücher einging und den Kreuzfahrern sowohl Ruhm als auch Ehre verlieh. Gerade der Erste Kreuzzug ist in seiner ganzen Entwicklung bemerkenswert, denn er stellte eine bemerkenswerte Mobilisierung von Menschen und Ressourcen dar, die in einer Zeit stattfanden, in der die politischen Grenzen und sozialen Strukturen stark fragmentiert waren. Er war militärisch und logistisch betrachtet ständig am Rand des Scheiterns, doch der unerschütterliche Glaube der Beteiligten half, die Widrigkeiten zu überwinden. Das Heer war gewaltig für mittelalterliche Verhältnisse und setzte sich aus einem bunten Sammelsurium von Kriegern zusammen, die aus verschiedenen Regionen Europas kamen. Es gab keine moderne Versorgung, keine Lastwagen, keine gesicherten Nachschublinien, keine perfekte Kommandostruktur, was die Führung und Organisation extrem erschwerte. Es musste mit lokalen Märkten, Beute, Feldern, Vieh und immer wieder mit improvisierten Lösungen gearbeitet werden, die oft von Kreativität und Einfallsreichtum zeugten. Zugleich erwarteten viele Kreuzfahrer tatsächlich Gottes Vorsehung, was die emotionalen und spirituellen Aspekte des Unternehmens verstärkte. Das klingt heute naiv, war für sie aber Wirklichkeit und spiegelte ihren tiefen Glauben wider. Sie glaubten nicht, dass sie nur ein militärisches Projekt durchführten, sondern ein Werk Gottes, das größeren, göttlichen Zielen diente. Und in ihrer Wahrnehmung bestätigte gerade der unerwartete Erfolg des Ersten Kreuzzugs diese Sicht, was zu einem tiefen Gefühl der Erfüllung und Bestätigung für ihre Loyaute führte.6

Man darf die Geschichte des Ersten Kreuzzuges nicht dadurch verfälschen, dass man die Realität des Krieges ausblendet. Selbstverständlich floss Blut. Es gab Schlachten, Belagerungen, Hunger, Verwundung und Tod. Menschen starben auf beiden Seiten. Wer so tut, als könne man einen bewaffneten Konflikt des 11. Jahrhunderts mit den moralischen Kategorien einer saturierten Gegenwart beschreiben, ohne die konkreten historischen Umstände ernst zu nehmen, betreibt keine Aufklärung, sondern Vereinfachung. Krieg bleibt eine harte, grausame und tragische Wirklichkeit. Gerade deshalb muss seine Bewertung nüchtern, historisch informiert und frei von ideologischen Scheuklappen erfolgen.7 Was in der modernen Darstellung jedoch regelmäßig auffällt, ist eine auffällige moralische Asymmetrie. Auf der einen Seite wird jede Gewalthandlung christlicher Akteure isoliert, skandalisiert und zum eigentlichen Wesenskern der Kreuzzüge erklärt. Auf der anderen Seite wird die vorausgehende, über Jahrhunderte anhaltende militärische Expansion islamischer Herrschaften gegen ehemals christliche Gebiete oft nur als diffuse Hintergrundkulisse behandelt, fast so, als habe sie mit der Entstehung der Kreuzzüge nichts Wesentliches zu tun. Genau das ist historisch nicht haltbar. Wer christliche Gegenwehr ausschließlich unter moralischem Ausnahmeverdacht stellt, während er die Gewalt, den Druck und die Verluste der anderen Seite weitgehend relativiert, fällt kein ausgewogenes Urteil, sondern reagiert nach einem ideologischen Muster.8

Ebenso verkürzt ist die Behauptung, der Erste Kreuzzug sei lediglich aus blindem Hass auf den Islam entstanden. Eine solche Deutung wird weder den Quellen noch dem Selbstverständnis der Zeit gerecht. Nach dem Verständnis der damaligen Christen ging es nicht um die wahllose Vernichtung aller Muslime, sondern um die Verteidigung bedrängter Christen, um Hilfe für den Osten, um den Schutz von Pilgern und um die Rückgewinnung jener heiligen Orte, die für die Christenheit von zentraler geistlicher Bedeutung waren. Man muss diese Perspektive nicht unkritisch übernehmen, aber man darf sie auch nicht bewusst entstellen. Wer den Kreuzzug verstehen will, muss ihn aus den Denkkategorien seiner Zeit lesen und nicht aus einem modernen Zerrbild heraus.

Gerade hier ist die Unterscheidung zwischen gerechtem Krieg und heiligem Krieg von besonderer Bedeutung. Das Christentum war nie schlicht pazifistisch. Bereits Augustinus legte die Grundlagen einer Lehre vom gerechten Krieg, die später weiter entfaltet wurde. Danach kann bewaffnete Gewalt unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt sein, nämlich dann, wenn sie der Abwehr von Unrecht, dem Schutz der Unschuldigen und der Wiederherstellung einer verletzten Ordnung dient. Krieg war also auch im christlichen Denken nicht schlechthin ausgeschlossen, sondern an strenge Voraussetzungen gebunden. Er durfte gerade nicht bloßer Ausdruck von Willkür, Eroberungslust oder Rachsucht sein.

Im mittelalterlichen Verständnis war der Kreuzzug freilich noch mehr als ein gerechter Krieg im engeren Sinn. Er wurde zusätzlich als Bußwerk verstanden, also als geistlich motivierter Akt, der mit Opfer, Verzicht und religiöser Verpflichtung verbunden war. Genau darin liegt sein besonderer Charakter. Der Kreuzzug war nicht einfach ein gewöhnlicher Feldzug mit religiöser Sprache, sondern eine Verbindung aus militärischem Handeln, kirchlicher Autorisierung und penitentialem Selbstverständnis. Dennoch bedeutete auch das nicht, dass jeder beliebige Angriffskrieg dadurch automatisch legitim geworden wäre. Selbst innerhalb der klassischen Kreuzzugslogik blieb die Vorstellung bestehen, dass ein solcher Kampf an einen konkreten Anlass, an ein bestimmtes Schutzgut und an eine nachvollziehbare Zielrichtung gebunden sein musste.

Aus diesem Grund ist auch klar, weshalb etwa die Vorstellung eines Kreuzzuges gegen Mekka innerhalb der klassischen Logik keineswegs ohne Weiteres sinnvoll oder zwingend gewesen wäre. Der Kreuzzugsgedanke bezog sich wesentlich auf ehemals christliche Gebiete, auf die Verteidigung der Christenheit, auf die Sicherung heiliger Stätten und auf den Schutz konkreter christlicher Gemeinschaften. Er war seiner inneren Begründung nach nicht als grenzenloses Instrument religiöser Aggression konzipiert. Genau diese historische Begrenzung wird in polemischen Darstellungen häufig unterschlagen, um aus dem Kreuzzug ein zeitloses Symbol christlicher Gewalt zu machen. Das ist sachlich unpräzise und historisch irreführend.

Wer also seriös über den Ersten Kreuzzug sprechen will, muss beides zusammenhalten. Einerseits darf er die Härte, das Leid und die reale Gewalt dieses Krieges nicht leugnen. Andererseits darf er die Ursachen, Voraussetzungen und das Selbstverständnis der christlichen Seite nicht ausblenden oder verzerren. Die Kreuzzüge werden nicht dadurch verständlich, dass man sie in moralische Schlagworte presst. Verständlich werden sie erst dann, wenn man anerkennt, dass sie aus mittelalterlicher Sicht als Verteidigung, als Hilfeleistung und als religiös gebundener Kampf zur Wiederherstellung einer als verletzt empfundenen Ordnung verstanden wurden. Genau an diesem Punkt trennt sich historische Analyse von ideologischer Karikatur. An dieser Stelle muss auch die Frage gestellt werden, wie die Kirche des Westens und die Kirche des Ostens damals zueinander standen. Die übliche Erzählung sagt einfach, seit 1054 sei das Schisma vollkommen klar und fest gewesen. So schlicht ist es nicht. In der Praxis war das Verhältnis angespannt, ja, aber keineswegs so, dass alle Beteiligten schon im modernen Sinn von zwei völlig getrennten Kirchenräumen ausgegangen wären. Viele Historiker weisen darauf hin, dass 1054 zwar wichtig war, aber im zeitgenössischen Bewusstsein nicht automatisch als totale und endgültige Trennung wahrgenommen wurde. Es gab auch nach 1054 noch Kontakte, Zusammenarbeit und Hoffnungen auf Annäherung. Gerade Urban II. konnte die Hilfe für den Osten auch im Licht einer Wiederannäherung verstehen.9

Der byzantinische Kaiser Alexios hatte freilich etwas anderes erwartet als das, was tatsächlich kam. Er wollte eher eine begrenzte militärische Hilfe. Was erschien, war ein riesiges Heer unter Gelübde. Viele der Führer schworen ihm, eroberte byzantinische Gebiete zurückzugeben. In der Praxis zerbrach dieses Vertrauen jedoch teilweise. Antiochia etwa wurde nicht an Byzanz zurückgegeben, weil die Kreuzfahrer sich dort vom Kaiser im Stich gelassen sahen. Schon hier sieht man: Die Kreuzzüge waren keine sterile Idealveranstaltung, sondern eine hochkomplexe Bewegung aus religiösem Ernst, politischer Spannung, persönlicher Ehre, Misstrauen, Opferbereitschaft und militärischem Zwang. Wer daraus eine schlichte Schwarz Weiß Geschichte basteln will, lügt. Wichtig ist ferner, wie die übrige Christenheit die Kreuzzüge begleitete. Es waren nicht nur Ritter, die teilnahmen. Ganz Europa wurde geistlich einbezogen. Priester, Mönche, Nonnen, Gläubige daheim, sie fasteten, beteten, hielten Prozessionen, stifteten Almosen und flehten um Gottes Hilfe. Die Kreuzzüge waren aus mittelalterlicher Sicht kein isolierter Kriegszug einiger Adliger, sondern ein geistliches Gesamtunternehmen der Christenheit. Die unsichtbaren Waffen, also Liturgie, Gebet, Fasten und Buße, galten als mindestens so wichtig wie die sichtbaren Waffen der Kämpfer. Das zeigt noch einmal, dass man das ganze Phänomen nicht mit modernen Kategorien von Kolonialpolitik erklären kann.10

Auch die militärischen Orden muss man in diesem Licht verstehen. Die Templer waren ursprünglich keine esoterische Geheimgesellschaft und kein Stoff für Freimaurerromantik, sondern Männer, die ihr Leben dem Schutz von Pilgern widmen wollten. Ursprünglich in der Zeit der Kreuzzüge gegründet, ließen sie sich in Jerusalem nieder und verstanden ihre Aufgabe als Schutzdienst im Heiligen Land. Ihr Engagement für die Sicherheit der Pilger war nicht nur eine militärische Pflicht, sondern auch eine tief verwurzelte religiöse Überzeugung. Sie waren bereit, ihr Leben zu riskieren, um anderen zu helfen und den Glauben zu verteidigen.11

Die Johanniter, später als Malteser bekannt, gingen aus einem Hospitaldienst hervor. Sie kümmerten sich um Kranke, Arme, Pilger und Verwundete, und entwickelten daneben eine militärische Schutzfunktion. Diese doppelte Aufgabe zeigt, wie die Kreuzzüge nicht allein von kriegerischen Ambitionen geprägt waren, sondern auch von einem tiefen Sinn für Nächstenliebe und humanitäre Hilfe. Gerade an diesen Orden sieht man, wie eng im Kreuzzugsgedanken Schutz, Opfer, Askese, Gemeinschaftsleben und konkrete Hilfe verbunden waren. Es ging eben nicht nur um das Schwert, sondern auch um Hospital, Pflege, Begräbnis, Armenfürsorge und die dauerhafte Verteidigung christlicher Präsenz im Heiligen Land. Die Templer wurden erst viel später unter ganz anderen Umständen zerschlagen, und zwar nicht, weil die Kirche plötzlich entdeckte, dass sie tatsächlich satanische Verschwörer gewesen wären. Der französische König Philipp IV. brauchte Geld und sah in den Templern ein lukratives Ziel. Er griff nach dem Vermögen der Templer, ließ ihnen groteske Verbrechen anhängen und erpresste unter Folter Geständnisse. Diese Handlungen waren nicht nur Ausdruck individueller Gier, sondern auch ein Beispiel für die politischen Intrigen und Machtspiele, die in dieser Zeit herrschten. Daraus später Geheimkulte und dunkle Legenden zu basteln, die den Ruf der Templer belasteten, ist Unsinn. Der Untergang der Templer sagt mehr über Machtpolitik, Gier und Justizverbrechen aus als über den ursprünglichen Sinn des Ordens. Die Legende der Templer hat bis heute überdauert und beeinflusst unser Bild von den Kreuzfahrern und ihren Motiven. Die wahre Geschichte, geprägt von Opferbereitschaft und dem Streben nach Gerechtigkeit, bleibt oft im Schatten dieser Mythen. Retrospektiv betrachtet sollten wir die Templer und andere ähnliche Orden nicht nur durch die Linse ihrer letzten Tage sehen, sondern auch die komplexe Realität ihrer Gründung und ihres Dienstes würdigen. Diese militärischen Orden verkörperten im besten Sinne die Herausforderung, Glauben und Pflicht miteinander zu verbinden und für die Ideale einer gerechten Gesellschaft zu kämpfen.12

Nach dem Ersten Kreuzzug kam es nicht zu einem einzigen, abgeschlossenen Endzustand. Es gab immer wieder neue Wellen von Kreuzfahrern, kleinere Unternehmungen, Sicherungsmaßnahmen und Versuche, die jungen christlichen Herrschaften im Osten zu stützen. Entscheidend war dann der Verlust von Edessa. Als Edessa fiel und die christliche Bevölkerung dort schwer getroffen wurde, rief Papst Eugen III. den Zweiten Kreuzzug aus. Dieser war im Westen von enormer emotionaler Kraft begleitet. Die Helden des Ersten Kreuzzugs galten als eine Art große Generation des christlichen Rittertums. Nun wollten viele ebenfalls Anteil daran haben. Könige nahmen das Kreuz, darunter der französische König und der deutsche Herrscher. Sogar Eleonore von Aquitanien zog mit.13

Doch der Zweite Kreuzzug scheiterte. Viele starben bereits in Kleinasien, ausgelöst durch Krankheiten, Hunger und Kämpfe, die die bereits geschwächte Truppe heimsuchten. Der Rest traf zu schwach im Osten ein, nachdem die Erwartungen an ihre Stärke und Einheit nicht erfüllt wurden. Anstatt Edessa zurückzugewinnen, was als strategisch und symbolisch wichtig erachtet wurde, entschied man sich schließlich unglücklich zum Angriff auf Damaskus, das zu diesem Zeitpunkt sogar ein Verbündeter der Kreuzfahrerstaaten gewesen war. Dieses Unternehmen brach rasch zusammen. Der Zweite Kreuzzug wurde damit zum großen Schock für die christliche Welt. Nicht nur militärisch, sondern geistlich stellte man nun vor große Fragen. Denn nun stellte sich die Frage: Wenn unser Anliegen gerecht ist, warum lässt Gott uns scheitern? Die Antwort der damaligen Christen lautete nicht: Dann waren wohl die Muslime im Recht. Die Antwort lautete vielmehr: Gott straft uns wegen unserer Sünden, und diese Sünden wurden als kollektive Versäumnisse der Gemeinschaft wahrgenommen. Das ist auffällig, weil eine ähnliche Deutung schon auf muslimischer Seite gegenüber dem Ersten Kreuzzug auftauchte. Dort hieß es ebenfalls, Gott habe die Franken als Geißel zugelassen, weil die eigene Gemeinschaft sündig und zerstritten gewesen sei. Im christlichen Westen wurde aus dem Scheitern des Zweiten Kreuzzugs ein Spiegel für den geistlichen Zustand Europas, der unweigerlich durch die anhaltenden Kriege und Konflikte überprüft wurde. Erfolg der Kreuzzüge bedeutete für viele, Gott sei mit uns, was auch als Zeichen des göttlichen Beistands gedeutet wurde. Scheitern bedeutete hingegen, Gott züchtigt uns und stellte die Moral und den Glauben in Frage. So wurden die Kreuzzüge zum Fieberthermometer der Seele Europas, das den Puls des gläubigen Lebens maß und die Sorgen um die eigene Frömmigkeit und die Gnade Gottes in den Vordergrund rückte.14

Aus dieser Krise erwuchsen dann auch neue religiöse Bewegungen. Die mendikantischen Orden des 13. Jahrhunderts, besonders die Franziskaner und Dominikaner, stehen nicht isoliert neben den Kreuzzügen, sondern auch im Zusammenhang einer Christenheit, die nach tiefgreifender Erneuerung suchte. Diese Erneuerung war nicht nur ein spontaner Wunsch nach Veränderung, sondern vielmehr ein dringendes Bedürfnis, das aus einer Zeit des Schmerzes und der Unsicherheit resultierte. Wenn Christen meinten, Gott strafe sie wegen Lauheit, Stolz und Sünde, dann lag die Antwort nahe: mehr Buße, mehr Armut, mehr Predigt, mehr innere Reform. Diese Bestrebungen waren Teil eines umfassenderen Versuchs, die Gemeinschaft zurück zu den Ursprüngen des Glaubens zu führen und einen spirituellen Aufbruch zu initiieren. Zugleich zeigte sich aber auch die Gefahr, die mit diesen Bewegungen einherging. Wenn ungebildete Laienmassen ohne solide theologische Formung losschlagen, entsteht schnell Häresie, was die Einheit der Kirche gefährden könnte. Diese Sorge führte dazu, dass orthodoxe Armutsbewegungen wie die Franziskaner auch als kirchlich geordnete Antwort auf chaotische und teils häretische Strömungen auftraten. Durch diese ordentlichen Strukturen sollten sowohl die spirituelle Reinheit gewahrt als auch das wachsende Bedürfnis nach einer authentischen Lebensweise in einer zunehmend verwirrten Welt angesprochen werden.

Der Dritte Kreuzzug ist das berühmte große Epos mit Richard Löwenherz und Saladin. Richard war militärisch außergewöhnlich fähig und gewann große Teile der Küste zurück. Jerusalem aber konnte er nicht zurückerobern, was als eine seiner größten Niederlagen angesehen wird. Genau das zeigt erneut: Die Kreuzzüge waren kein Theater aus reiner Gier, denn Europa dachte nicht in erster Linie an irgendeine entfernte Kolonie, sondern an Jerusalem. Diese Stadt hatte eine zentrale Bedeutung im Herzen der Christenheit und war nicht nur geographisch, sondern auch spirituell von enormer Wichtigkeit. Von Königen bis zu Bauern war der Name dieser Stadt geistlich geladen, denn sie symbolisierte Hoffnung und den Glauben an das ewige Leben. Sie war für die Christen nicht irgendein Symbol, sondern die Stadt des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Christi, die sie als heilig betrachteten. Solange Jerusalem unter muslimischer Herrschaft blieb, empfanden viele dies als offene Wunde, die nicht geheilt werden konnte. Damit kommen wir zum schwierigsten Punkt, dem Vierten Kreuzzug, der ein besonders komplexes und oft missverstandenes Kapitel in der Geschichte darstellt.15 Gerade hier muss man nüchtern und wahrheitsliebend bleiben, um die Ereignisse im richtigen Licht zu sehen. Wer die Kreuzzüge verteidigen will, darf nicht jede Entgleisung schönreden oder den Anschein erwecken, dass alle Handlungen gerechtfertigt waren. Das wäre nicht apologetische Stärke, sondern bloße Propaganda, die dem historischen Verständnis schadet. Der Vierte Kreuzzug begann mit dem berechtigten Ziel, Jerusalem zurückzugewinnen. Papst Innozenz III. rief ihn früh in seinem Pontifikat aus und mobilisierte massive Ressourcen und Unterstützung aus ganz Europa. Das Unternehmen sollte groß werden und ein leuchtendes Beispiel für den Glauben darstellen. Doch dann griff ein ganzes Bündel von Fehlern, Fehlkalkulationen, Zwangslagen, Interessen und schlechten Kompromissen ineinander, was schließlich zu unvorhergesehenen und tragischen Konsequenzen führte. Die Kreuzfahrer wollten diesmal nicht durch Byzanz marschieren, um ihre Kräfte zu bündeln und sich nicht auf einen weiteren Konflikt mit der christlichen Welt einzulassen, sondern entschieden sich, auf dem Seeweg zu ziehen, was die Strategie maßgeblich veränderte. Dazu schlossen sie einen riesigen Vertrag mit Venedig, die in diesem Moment als mächtige Seemacht agierten. Venedig sollte eine gewaltige Flotte und Versorgung bereitstellen, um sicherzustellen, dass die Kreuzfahrer am Zielort gut ausgestattet sind. Das Problem war, dass viel weniger Kreuzfahrer kamen als erwartet, was die gesamte Planung gefährdete. Die Flotte war zu groß, die Kosten ungeheuer, das Geld fehlte, was zu enormem Druck auf die Anführer des Heeres führte. So geriet das ganze Heer in eine Schuldenfalle, die nur schwer zu entkommen war. Um die Lage zu retten, ließ es sich auf einen verhängnisvollen Kompromiss mit Venedig ein und half zunächst bei der Rückeroberung von Zara, einer christlichen Stadt, die bereits unter christlicher Herrschaft gestanden hatte. Schon das war ein schwerer Fehltritt, den der Papst missbilligte und der das ethische Dilemma der Kreuzzüge weiter verstärkte, da damit die Motivation und die ursprünglichen Ideale der Teilnehmer in Frage gestellt wurden.16

Von dort aus geriet das Unternehmen noch weiter vom ursprünglichen Ziel ab. Ein junger byzantinischer Prinz versprach den Kreuzfahrern Geld, Unterstützung und die Vereinigung der Kräfte, wenn sie ihm zur Macht in Konstantinopel verhelfen würden. Die Führer ließen sich darauf ein. Auch hier darf man nicht alles in böser Absicht deuten. Viele glaubten tatsächlich, sie könnten so das eigentliche Kreuzzugsziel retten. Aber genau das ist die Tragik des Vierten Kreuzzugs. Er war nicht von Anfang an als Angriff auf Konstantinopel geplant. Er entgleiste Schritt für Schritt, weil immer neue Kompromisse eingegangen wurden, um das Projekt irgendwie am Leben zu halten. Als die Dinge schließlich eskalierten, kam es 1204 zur Einnahme und Plünderung Konstantinopels. Das war eine Katastrophe. Nicht nur politisch und militärisch, sondern moralisch und kirchlich. Die Stadt wurde drei Tage lang geplündert. Reichtümer wurden geraubt, Häuser besetzt, Menschen misshandelt, Frauen vergewaltigt, Kirchen entweiht, Reliquien verschleppt. Dass viele kostbare Reliquien aus Konstantinopel in den Westen gelangten, ist historisch unbestreitbar. Aber das macht die Sache nicht gerecht. Die Tatsache, dass der Westen dadurch reich an Reliquien wurde, heiligt die Verwüstung nicht. Papst Innozenz III. war über das, was geschah, keineswegs einfach glücklich. Zunächst sah er in der Unterwerfung Konstantinopels unter lateinische Herrschaft vielleicht eine Chance. Als jedoch Berichte über die Ausschreitungen eintrafen, reagierte er scharf. Er verurteilte die Schändungen, die Gewalt, die Behandlung von Klöstern und Nonnen und den Skandal, den die lateinischen Christen an ihren eigenen Brüdern verursacht hatten. Das ist wichtig. Denn oft wird so getan, als habe die Kirche das alles bedenkenlos gefeiert. Das stimmt nicht. Gerade Rom erkannte sehr wohl, dass hier eine entsetzliche Entgleisung vorlag.17

Damit ist das Urteil aber nicht, die gesamten Kreuzzüge seien deshalb als Ganzes verwerflich. Der Vierte Kreuzzug war ein Fehlgang, ja. Eine schwere Wunde, ja. Ein Verrat am ursprünglichen Ziel, ja. Doch die komplexe Natur der historischen Ereignisse gebietet uns, differenzierter zu betrachten. Es ist wichtig, die verschiedenen Dimensionen und die Motivation der Menschen zu verstehen, die an diesen Ereignissen beteiligt waren. Die Kreuzzüge wurden oft als Reaktion auf die Bedrohungen wahrgenommen, die durch den Islam im Heiligen Land entstanden, und sie hatten in ihrer ursprünglichen Intention das Ziel, das Christentum zu verteidigen und zu verbreiten. Aber gerade weil wir das ehrlich sagen können, müssen wir nicht die Grundidee der Kreuzzüge preisgeben. Diese Idee allein kann nicht durch die Fehler und Exzesse eines einzelnen Kreuzzuges diskreditiert werden. Es ist ohne Weiteres möglich, gleichzeitig zu sagen: Die Kreuzzüge waren grundsätzlich ein legitimer Verteidigungseinsatz der Christenheit, und der Vierte Kreuzzug war eine schwere Entstellung dieses Gedankens. Ist es nicht von größter Bedeutung, diese Unterscheidung zu treffen? Wer das nicht unterscheiden kann, ist weder ein guter Historiker noch ein guter Apologet und verpasst die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und Verständnis für die unterschiedlichen Perspektiven zu entwickeln.

Interessant ist auch, wie Ost und West das Geschehen deuteten. Viele Byzantiner meinten, Gott habe Konstantinopel wegen der eigenen Sünden und wegen politischer und geistlicher Verirrungen in fremde Hände fallen lassen. Auch im Westen sah man im Fall der Stadt ein Gericht Gottes, das seine Spuren in den Annalen der Geschichte hinterließ. Das entschuldigt die Täter nicht. Es zeigt aber, wie stark alle Beteiligten Geschichte im Licht göttlicher Vorsehung sahen, als ob jede Entscheidung und jede Handlung in einem größeren, übernatürlichen Plan verankert war. Später blieb 1204 über Jahrhunderte eine offene Wunde im Verhältnis zwischen Ost und West, die mit jedem nachfolgenden Konflikt und Missverständnis weiter aufgerissen wurde. Daran ändert auch nichts, dass spätere Päpste um Vergebung baten und Versöhnung suchten, denn der tief verwurzelte Groll und das Misstrauen ließen sich nicht einfach mit Worten heilen. Die Wunde war real und wirkte bis in die Gegenwart nach. Gerade deshalb muss man sie ehrlich benennen und die Komplexität der Beziehungen zwischen diesen beiden Regionen analysieren. Nach dem Vierten Kreuzzug gingen die Kreuzzugsbewegungen weiter, auch wenn sie immer schwieriger wurden und von inneren Zweifeln und fehlender Unterstützung geprägt waren. Starker symbolischer und geistlicher Mittelpunkt blieb Jerusalem, dessen Bedeutung weit über die religiösen Aspekte hinausging und auch politische Dimensionen umfasste. Ein herausragendes Beispiel ist Ludwig IX. von Frankreich, der heilige Ludwig. Er war kein roher Fanatiker, sondern ein heiliger König, der sich um Gerechtigkeit kümmerte, den Armen diente, den Glauben ernst nahm und dennoch überzeugt war, dass die Rückgewinnung Jerusalems zu seinen höchsten Aufgaben gehörte. Gerade an ihm sieht man, wie wenig der moderne Gegensatz von Heiligkeit und Kreuzzug historisch trägt, denn in seinen Augen war das Streben nach dem Heiligen Land ein Akt der Nächstenliebe und des Glaubens. Für ihn war das kein Widerspruch, sondern eine vollumfängliche Pflicht. Er konnte leprakranke Arme pflegen und zugleich überzeugt sein, dass die Befreiung des Heiligen Landes eine Pflicht sei, die über persönliche Interessen und weltliche Belange hinausging.18

Ein oft missverstandenes Kapitel ist auch der sogenannte Kinderkreuzzug. Schon die Bezeichnung führt in die Irre. Es handelte sich weder um einen echten Kreuzzug im kirchenrechtlichen Sinn noch um eine reine Schar kleiner Kinder. Vielmehr war es eine populäre Massenbewegung armer Leute, Bauern, einfacher Menschen, teilweise Jugendlicher, die im Jahr 1212 von der Vorstellung getragen wurden, Gott werde durch die Armen vollbringen, was Könige und Ritter nicht geschafft hatten. Besonders mit Nikolaus von Köln verbindet sich diese Bewegung, der als charismatischer Anführer gilt und zahlreiche Anhänger um sich scharte. Man glaubte, Gott werde das Mittelmeer austrocknen, damit man trockenen Fußes ins Heilige Land ziehen könne, und viele hofften auf ein Wunder, das ihnen den Zugang zu den heiligen Stätten ermöglichen würde. Natürlich geschah das nicht; das Wasser des Meeres blieb und die leidenschaftlichen Träume wurden schnell von der härteren Realität eingeholt. Die Bewegung zersprang, viele strandeten und mussten sich mit der Abweisung ihrer Hoffnungen auseinandersetzen, manche wurden wohl in die Sklaverei verkauft und verloren damit nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihre Identität. Der Papst erkannte darin zwar Eifer, aber keinen legitimen Kreuzzug, was die Enttäuschung unter den Anhängern nur verstärkte. Auch hier zeigt sich erneut, wie tief das Verlangen nach der Rückgewinnung der heiligen Stätten in der Christenheit verankert war, eine Sehnsucht, die durch die Jahrhunderte immer wieder zutage trat und den Elan vieler Gläubigen mobilisierte, selbst unbeirrbar in ihren Überzeugungen zu handeln, egal wie aussichtslos die Umstände auch schienen.19

Wesentlich ist darüber hinaus die Einsicht, dass die mittelalterliche Christenheit den Kreuzzug nicht als bloßes Außenprojekt ansah, sondern als Spiegel des inneren Zustands Europas. Wenn Europa sündigte, so meinte man, entzog Gott seinen Beistand. Wenn Europa sich erneuerte, konnte es hoffen. Darum hängen Kreuzzüge, Reformbewegungen, Bußpredigten, Armutsbewegungen, Liturgie und Volksfrömmigkeit innerlich zusammen. Diese verflochtenen Elemente der Gesellschaft spiegeln die tiefen Überzeugungen und Ängste wider, die die Menschen dieser Zeit prägten. Das ist einer der Gründe, warum die Kreuzzüge für moderne Menschen so schwer verständlich sind. Man versucht sie mit Kategorien zu erklären, die ihrem eigentlichen inneren Motor gar nicht gerecht werden. Die Komplexität der Motive – sei es religiöse Inbrunst, das Verlangen nach Abenteuer, oder der Wunsch nach politischem Einfluss – bleibt oft auf der Strecke. Wenn man dann die große Gegenfrage stellt, was ohne die Kreuzzüge geschehen wäre, muss man natürlich zugeben, dass es sich um eine historische Spekulation handelt. Aber es ist keine absurde Spekulation. Vieles spricht dafür, dass die Kreuzzüge die islamische Expansion wenigstens verlangsamt und dem Westen Luft verschafft haben. Der Islam war im Mittelalter eine gewaltige Macht, mit einer reichhaltigen Kultur und tiefen wissenschaftlichen Kenntnissen, die in vielen Bereichen der Zivilisation Wegbereiter waren. Der Westen war zersplittert und schwach, zerrissen durch interne Konflikte und politische Rivalitäten. Ohne die lange Phase militärischer, geistlicher und politischer Gegenwehr hätte die Geschichte Europas sehr anders verlaufen können. Dies wird besonders deutlich, wenn man die Weichenstellungen betrachtet, die durch diese Konflikte entstanden. Viele moderne Nationen haben in ihren Ursprüngen Verbindungen zu diesen historischen Ereignissen. Dass im 16. Jahrhundert die Osmanen bereits tief in Europa standen und sogar Wien bedrohten, zeigt jedenfalls, dass die Gefahr keineswegs eingebildet war, sondern eine reale Bedrohung darstellte, die die europäische Identität und die kulturellen Strukturen auf dramatische Weise beeinflusste.

Damit sind wir auch bei der Gegenwart. Europa ist heute nicht stark, weil es fromm ist, sondern schwach, weil es seinen Glauben verloren hat. Viele Kirchen sind in weiten Teilen Europas zu Museen geworden. Man sieht noch die Schönheit der Altäre, den Stein, das Glas, die Kunst, aber nicht mehr das Leben, das sie getragen hat. Man spürt, dass Generationen von Gläubigen diese Kirchen aus echter Opferbereitschaft errichtet haben. Und heute stehen oft nur noch Touristen davor und scannen einen Code.

Dieses Bild ist symptomatisch für eine tiefere Krise im europäischen Selbstverständnis. Die spirituelle Leere, die sich in vielen Städten breitgemacht hat, ist nicht nur eine Frage der Ästhetik, sondern spiegelt auch eine fundamentale Verschiebung in den Werten und Prioritäten der Gesellschaft wider. Wenn dann zugleich islamische Präsenz wächst, ist es nicht abwegig, darin auch ein Gericht über ein postchristliches Europa zu sehen, das seinen Herrn verlassen hat. Christus hat nicht versprochen, Europa zu bewahren. Er hat versprochen, seine Kirche zu bewahren. Das ist ein Unterschied, den man sich einprägen sollte.

Persönliche Einschätzung und Kommentar:

Die Hoffnung der Kirche hängt nicht an einem Kontinent. Das Christentum begann im Nahen Osten, an Orten, die heute oft als Schauplätze von Konflikten und Chaos wahrgenommen werden. Ägypten war einmal eines der christlichsten Länder der Welt, ein Zentrum des Glaubens und der theologischen Diskussion. Reiche steigen auf und fallen. Augustinus hat das im Gottesstaat tief begriffen. Nicht die irdische Stadt ist ewig, sondern die civitas Dei, das himmlische Jerusalem, das über alle menschlichen Strukturen hinausgeht.

Wenn Europa Christus nicht mehr will, dann ist das nicht das Ende der Kirche. Die Kirche hat alle Verfolgungen und Herausforderungen überstanden, und sie wird auch diese Phase überleben. Es ist aber sehr wohl das Ende Europas, wie wir es kannten. Die Kirche lebt weiter, weil der Heilige Geist weiterwirkt und überall dort, wo Menschen glauben, Gemeinschaft praktizieren und Hoffnung spenden, die Botschaft des Evangeliums verbreitet. Aber Völker und Kulturen können ihren Glauben verlieren und dafür bitter bezahlen. In diesen Zeiten des Wandels, der Unsicherheiten und der Herausforderungen ist es entscheidend, sich daran zu erinnern, dass der Glaube an die unsterblichen Wahrheiten und der Wert der Gemeinschaft eng miteinander verbunden sind. Die Zukunft Europas könnte daher nicht nur von wirtschaftlichem oder politischem Wohlstand abhängen, sondern auch von der Wiederentdeckung und der Erneuerung des Glaubens in den Herzen ihrer Menschen.

Was also bleibt als Gesamturteil? Die Kreuzzüge waren keine Schande der Christenheit im pauschalen Sinn, als die man sie heute oft hinstellt. Sie waren im Kern Verteidigung, Hilfeleistung, Bußwerk und Opferdienst. Diese Kriege spiegeln die Bemühungen einer bedrohten Gemeinschaft wider, die sich der jahrhundertelangen Expansion, Enteignung und Bedrängnis gegenübersah. Die Kreuzzüge waren eine Antwort auf diese Herausforderungen und sollten nicht mit modernem Kolonialismus, nationalistischem Imperialismus oder als bloßes Deckmantel für Beutezüge gleichgesetzt werden. Die Beteiligten waren oft Menschen mit einem tiefen Bewusstsein für ihre Sünden, die an Himmel, Hölle, Gericht und Buße glaubten und den bedrängten Leib Christi mit aller Kraft schützen wollten.

Gleichzeitig können wir nicht ignorieren, dass die Kreuzzüge auch von Menschlichkeit und damit von den Dunkelheiten menschlichen Verhaltens geprägt waren. Habgier, Stolz, Feigheit, Brutalität, politische Intrigen und rohe Gewalt waren nicht nur Begleiterscheinungen, sondern oft auch entscheidende Faktoren, die den Verlauf dieser Expeditionen beeinflussten. Dies ist nicht schön, aber auch nicht überraschend. Die Kirche besteht aus Sündern, nicht aus Engeln. Deshalb ist es unerlässlich, dass die ehrliche Verteidigung der Kreuzzüge niemals in plumpe Verklärung kippen darf.

Der Vierte Kreuzzug wird als besonders schweres Vergehen angesehen und zeigt, wie weit menschliche Fehlbarkeit von den ursprünglichen Zielen abweichen kann. Bestimmte Ausschreitungen und Sünden, die im Kontext des Kreuzzugs begangen wurden, dürfen nicht ignoriert werden. Auch Kompromisse, die in diesem Zusammenhang getroffen wurden, waren oft verhängnisvoll und trugen zur weiteren Entartung des ursprünglichen Auftrags bei. Doch aus der Entartung einzelner Kreuzzüge oder den Fehlern Einzelner zu schließen, dass die Kreuzzüge als solche moralisch illegitim gewesen wären, ist ein trügerischer Schluss. Wer so argumentiert, müsste letztendlich jede gerechte Sache verwerfen, da auch Sünder für diese kämpfen.

Die Wahrheit ist einfacher und härter: Die Kreuzzüge waren der ernsthafte Versuch einer bedrohten Christenheit, sich und ihr Glaubensgut zu verteidigen, die heiligen Stätten zu sichern und den leidenden Christen im Osten beizustehen. Darin liegt ihre Größe und Bedeutung für die Geschichte. Wo sie jedoch von diesem Ziel abwichen, lag ihre Schuld, die nicht zu leugnen ist. Dieses Urteil ist historisch und katholisch zugleich. Es erfordert keine Selbstverurteilung oder Schönfärberei, sondern eine differenzierte Unterscheidung zwischen den noblen Zielen und den menschlichen Schwächen, die die Bewegung prägten. Auf dieser Grundlage kann man ohne Scham und mit einem klaren Gewissen sagen: Die Kreuzzüge verdienen kein pauschales Verdammungsurteil. Sie verdienen ein gerechtes und differenziertes Urteil, das sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte in Betracht zieht.

Quellen und Literaturhinweise

  1. Vgl. S. 46-49 Tommy Ballestrem, Ja, aber die Kreuzzüge… Eine kurze Verteidigung des Christentums. Fe Medienverlag, 2015. ISBN 9783863571214. ↩︎
  2. Vgl. ebd. ↩︎
  3. Vgl. ebd. ↩︎
  4. Vgl. S. 112 Hans Eberhard Mayer, Geschichte der Kreuzzüge. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage, Urban Taschenbücher 86. ISBN 9783170186798. ↩︎
  5. Vgl. S. 89-112 Jonathan Riley Smith, The First Crusaders, 1095–1131. Cambridge University Press, 1997. ISBN 9780521590051. ↩︎
  6. Vgl. ebd. ↩︎
  7. Vgl. S. 70-104 Thomas F. Madden, The Concise History of the Crusades. Rowman & Littlefield, 3rd edition, 2013. ISBN 9781442215757 ↩︎
  8. Vgl. ebd. ↩︎
  9. Vgl. ebd. ↩︎
  10. Vgl. ebd. ↩︎
  11. Vgl. S. 232 Hans Eberhard Mayer, Geschichte der Kreuzzüge. ↩︎
  12. Vgl. ebd. ↩︎
  13. Vgl. S. 89-95 Tommy Ballestrem, Ja, aber die Kreuzzüge… Eine kurze Verteidigung des Christentums. ↩︎
  14. Vgl. ebd. ↩︎
  15. Vgl. S. 77-83 Wilfried Westphal, Richard Löwenherz und Saladin. Der Dritte Kreuzzug, Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2006, ISBN 9783799501620 ↩︎
  16. Vgl. ebd. ↩︎
  17. Vgl. ebd. ↩︎
  18. Vgl. S.119-129 Wilfried Westphal, Richard Löwenherz und Saladin. Der Dritte Kreuzzug ↩︎
  19. Vgl. Thomas Ritter, Sehnsucht nach dem Paradies. Die Kinderkreuzzüge im Jahr 1212. Ancient Mail Verlag, Groß Gerau, 3. Auflage 2016, ISBN 9783935910064. ↩︎

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