Eine katholisch theologische Abhandlung über Kirche, Bekenntnis, Sakrament und sichtbare Einheit

Die Frage, ob ein Katholik zugleich einer frei evangelischen Gemeinde angehören kann, berührt nicht zuerst eine Frage persönlicher Sympathie, Frömmigkeitsform oder christlicher Milieuprägung. Sie betrifft den Kern katholischer Ekklesiologie. Es geht um das Wesen der Kirche, um die sichtbare Einheit des Glaubens, um sakramentale Wahrheit und um die Frage, ob kirchliche Zugehörigkeit eine objektive Wirklichkeit oder lediglich eine subjektive Selbstbeschreibung ist.

Aus katholischer Sicht kann die Antwort nur differenziert, aber eindeutig lauten: Ein Katholik kann Kontakte zu frei evangelischen Christen pflegen, mit ihnen im Gespräch sein, in bestimmten Situationen an Bibelgesprächen oder nicht sakramentalen Veranstaltungen teilnehmen und ihnen in christlicher Liebe verbunden sein. Er kann aber nicht im eigentlichen und vollen Sinn zugleich katholisch sein und einer frei evangelischen Gemeinde als seiner kirchlichen Gemeinschaft angehören.

Der Grund liegt nicht in konfessioneller Feindseligkeit. Er liegt auch nicht in einer Abwertung einzelner evangelischer Christen. Viele frei evangelische Christen leben aus echter Liebe zu Christus, aus ernsthafter Schriftfrömmigkeit und aus einem ehrlichen Wunsch nach Heiligung. Das katholische Urteil richtet sich nicht gegen ihre persönliche Aufrichtigkeit. Es betrifft die objektive kirchliche Ordnung.

Katholischsein bedeutet nicht nur, bestimmte katholische Elemente zu schätzen. Katholischsein bedeutet volle kirchliche Gemeinschaft mit der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Diese Gemeinschaft umfasst Glaubensbekenntnis, Sakramente und kirchliche Leitung. Genau diese dreifache Einheit kann nicht gleichzeitig in zwei Gemeinschaften verwirklicht werden, die in wesentlichen Lehrfragen einander widersprechen.

1. Die Kirche ist nicht eine menschliche Ergänzung zu Christus

Im katholischen Verständnis ist die Kirche nicht bloß eine spätere Organisationsform des Christentums. Sie ist nicht ein religiöser Verein, der sich nachträglich um die Botschaft Jesu gebildet hat. Sie ist auch nicht nur eine unsichtbare Summe einzelner Gläubiger, die unabhängig voneinander Christus annehmen.

Die Kirche ist von Christus selbst gestiftet. Sie ist sein Leib, seine Braut, sein sichtbares Heilswerkzeug in der Geschichte. Christus hat nicht nur einzelne religiöse Erfahrungen ermöglicht. Er hat Apostel berufen, ihnen Vollmacht gegeben, sie gesandt und ihnen die Aufgabe übertragen, in seinem Namen zu lehren, zu taufen, Sünden zu vergeben, die Eucharistie zu feiern und die Herde zu leiten.

Darum hat die Kirche im katholischen Verständnis eine reale, von Christus verliehene Autorität. Diese Autorität ist nicht autonom. Sie steht nicht über Christus. Sie ist Dienst an Christus und Empfang aus Christus. Aber sie ist echte Autorität.

Wenn Christus sagt:

Wer euch hört, der hört mich; wer euch ablehnt, der lehnt mich ab.

Dann ist damit keine bloße Höflichkeitsformel gemeint. Christus identifiziert die apostolische Sendung mit seiner eigenen Sendung. Wer die von Christus eingesandten Zeugen in ihrer legitimen apostolischen Vollmacht hört, hört Christus selbst. Wer sie in dieser Vollmacht zurückweist, weist nicht nur Menschen zurück, sondern die Sendung Christi.

Ebenso zeigt Matthäus 18,18:

Was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

Die Kirche besitzt also nicht nur beratende Funktion. Sie hat Bindungs und Lösungsgewalt. Sie darf nicht einfach als religiöse Meinungsinstanz verstanden werden. Ihre Vollmacht betrifft Lehre, Ordnung und sakramentales Leben.

Daraus folgt: Ein Katholik kann die Kirche nicht behandeln, als wäre sie nur eine unter mehreren christlichen Optionen. Wer katholisch ist, bekennt, dass Christus in seiner Kirche weiter spricht, lehrt und heiligt.

2. Katholische Zugehörigkeit ist objektive Communio

Das katholische Wort für kirchliche Gemeinschaft ist Communio. Dieses Wort meint mehr als Geselligkeit, mehr als gemeinsame Werte und mehr als emotionale Verbundenheit. Communio bezeichnet eine reale Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung.

Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt in Lumen gentium 14 die volle Eingliederung in die katholische Kirche durch mehrere Elemente: den Besitz des Geistes Christi, die Annahme der ganzen Ordnung der Kirche, die Verbindung mit Christus in ihrer sichtbaren Struktur sowie die Einheit durch Glaubensbekenntnis, Sakramente und kirchliche Leitung. Das ist entscheidend.

Voll katholisch ist man nicht dadurch, dass man sich innerlich irgendwie katholisch fühlt. Man ist voll in der katholischen Kirche, wenn man im sichtbaren und verbindlichen Sinn mit ihr verbunden ist. Diese Verbindung ist lehrhaft, sakramental und hierarchisch.

  • Lehrhaft bedeutet in diesem Fall: Man nimmt den Glauben der Kirche an.
  • Sakramental bedeutet: Man lebt aus den Sakramenten der Kirche, besonders aus Taufe, Beichte und Eucharistie.
  • Hierarchisch bedeutet: Man steht in Gemeinschaft mit den rechtmäßigen Hirten der Kirche, insbesondere mit den Bischöfen in Einheit mit dem Papst.

Diese drei Dimensionen lassen sich nicht beliebig voneinander trennen. Wer die katholische Eucharistie bejaht, aber das katholische Lehramt ablehnt, steht nicht in voller katholischer Communio. Wer den Papst als Nachfolger Petri anerkennt, aber gleichzeitig eine andere kirchliche Autorität als gleichrangig verbindlich annimmt, lebt in einem Widerspruch. Wer katholisch getauft ist, aber seine eigentliche gottesdienstliche und geistliche Heimat dauerhaft in einer Gemeinschaft sucht, die nicht in dieser katholischen Communio steht, schwächt objektiv seine eigene kirchliche Zugehörigkeit. Die katholische Kirche ist keine spirituelle Zusatzoption. Sie beansprucht nicht weniger als volle Hingabe an Christus in seiner sichtbaren Kirche.

3. Frei evangelische Gemeinden stehen nicht in voller kirchlicher Einheit mit der katholischen Kirche

Frei-evangelische Gemeinden können viele Elemente christlicher Wahrheit bewahren: die Liebe zur Heiligen Schrift, die Verkündigung Jesu Christi, das Gebet, die moralische Ermahnung, missionarischen Eifer, persönliche Umkehr und Gemeinschaft. Diese Elemente sind nicht geringzuschätzen, stehen aber nicht in voller kirchlicher Einheit mit der katholischen Kirche.

Die Trennung betrifft nicht bloß Stilfragen. Es geht nicht nur um andere Musik, andere Predigtformen, andere Gebetsformen oder andere Gemeindestrukturen. Die Differenzen betreffen Grundfragen des Glaubens. Dazu gehören besonders:

  • Das Verständnis der Kirche.
  • Das Verständnis der Eucharistie.
  • Das Verständnis des Priestertums.
  • Das Verhältnis von Schrift, Tradition und Lehramt.
  • Die Lehre von Rechtfertigung, Gnade und Heiligung.
  • Die Frage nach kirchlicher Autorität.
  • Die sakramentale Ordnung.
  • Die Rolle Mariens und der Heiligen.

Der katholische Glaube versteht die Kirche als sichtbare, sakramentale, apostolische Wirklichkeit. Die Kirche ist nicht nur dort, wo Gläubige sich versammeln und die Bibel lesen. Sie ist dort in ihrer Fülle gegenwärtig, wo die apostolische Sukzession, die gültigen Sakramente, das gemeinsame Glaubensbekenntnis und die Einheit mit dem Nachfolger Petri bestehen.

Frei-evangelische Gemeinden vertreten dagegen häufig ein Gemeindeverständnis, in dem die lokale Versammlung der Glaubenden im Zentrum steht. Autorität ergibt sich oft aus der Schriftinterpretation der Gemeinde, aus der Leitung durch Pastoren oder Älteste, aus Gemeindebeschlüssen oder aus einem bestimmten Bekenntnisrahmen. Das ist nicht dasselbe wie katholische apostolische Verfasstheit. Damit ist nicht gesagt, dass dort keine Gnade wirkt. Die katholische Kirche leugnet nicht, dass außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen Elemente der Heiligung und Wahrheit vorhanden sein können. Aber sie unterscheidet klar zwischen vorhandenen Elementen des Christlichen und der Fülle der kirchlichen Einheit. Ein Katholik kann diese Unterschiede nicht neutralisieren, ohne sein eigenes Kirchenverständnis zu beschädigen.

4. Die Eucharistie ist der entscheidende Prüfstein kirchlicher Einheit

Die tiefste Trennlinie liegt in der Eucharistie.

Für die katholische Kirche ist die Eucharistie nicht bloß ein Erinnerungsmahl. Sie ist nicht nur ein Symbol des Glaubens der Gemeinde. Sie ist das wahre Sakrament des Leibes und Blutes Christi. In ihr wird das eine Opfer Christi sakramental gegenwärtig. Christus selbst ist wirklich, wahrhaft und wesentlich gegenwärtig.

Zugleich ist die Eucharistie nicht von der Kirche trennbar. Sie setzt die sakramentale Ordnung der Kirche voraus. Deshalb gehört zur gültigen Eucharistie ein gültig geweihter Priester, der in apostolischer Sukzession steht und in der Kirche handelt.

Frei-evangelische Gemeinden besitzen nach katholischem Verständnis keine gültige Eucharistie im katholischen Sinn. Ihr Abendmahl kann für die Beteiligten eine ernste religiöse Handlung sein. Es kann Ausdruck des Glaubens und der Erinnerung an Christus sein. Aber es ist nicht die heilige Messe. Es ist nicht das eucharistische Opfer. Es ist nicht die sakramentale Realpräsenz im vollen katholischen Sinn.

Deshalb kann ein Katholik nicht einfach am frei-evangelischen Abendmahl teilnehmen, als sei es eine alternative Form derselben eucharistischen Wirklichkeit.

Die Kommunion ist nie nur eine private Frömmigkeitshandlung. Sie ist ein öffentliches Bekenntnis. Wer kommuniziert, sagt nicht nur: „Ich liebe Jesus.“ Er sagt auch: „Ich stehe in kirchlicher Gemeinschaft mit diesem Altar, mit diesem Glauben, mit dieser sakramentalen Ordnung und mit dieser Kirche.“ Darum wäre es für einen Katholiken objektiv falsch, in einer frei evangelischen Gemeinde am Abendmahl teilzunehmen. Er würde mit seinem Leib eine Einheit ausdrücken, die tatsächlich nicht besteht. Er würde ein sakramentales Zeichen der Communio setzen, obwohl keine volle Communio vorhanden ist.

Genau aus demselben Grund lässt die katholische Kirche normalerweise nicht einfach alle getauften Christen zur heiligen Kommunion zu. Das wird oft missverstanden. Es ist keine Missachtung anderer Christen. Es ist die Wahrung der Wahrheit des Zeichens. Die Eucharistie schafft und bezeugt volle Einheit. Wo diese Einheit nicht besteht, darf sie nicht künstlich dargestellt werden. Die Lüge wäre nicht primär verbal. Sie wäre sakramental. Der Körper würde etwas bekennen, was der Glaube objektiv nicht trägt.

5. Communicatio in sacris und die Grenze gemeinsamer religiöser Praxis

Die katholische Tradition spricht bei der unzulässigen Teilnahme an sakralen Handlungen anderer Gemeinschaften von communicatio in sacris. Gemeint ist nicht jede Form von Kontakt oder Gebet mit anderen Christen. Gemeint ist die Teilnahme an solchen religiösen Akten, die eine kirchliche und sakramentale Einheit ausdrücken, die nicht gegeben ist. Hier ist genau zu unterscheiden:

Ein Katholik kann unter Umständen bei einer frei-evangelischen Predigt anwesend sein. Er kann an einem Bibelgespräch teilnehmen, wenn dadurch sein Glaube nicht relativiert wird. Er kann mit evangelischen Christen über Christus sprechen. Er kann für sie und mit ihnen in angemessener Weise beten. Er kann aus familiären Gründen eine Veranstaltung besuchen.

Aber er kann nicht die sakramentale oder gemeindliche Zugehörigkeit vollziehen, als sei diese Gemeinschaft seine Kirche.

Er kann nicht dort Abendmahl empfangen. Er kann nicht die katholische Messe durch den frei-evangelischen Gottesdienst ersetzen. Er kann nicht eine Mitgliedschaft eingehen, die ihn lehrmäßig oder gemeindlich an eine nicht katholische kirchliche Autorität bindet. Er kann nicht in einer Weise mitwirken, die den Eindruck erweckt, die Trennung zwischen katholischer Kirche und frei evangelischer Gemeinde sei bedeutungslos.

Die Grenze verläuft also nicht bei menschlicher Begegnung. Sie verläuft bei kirchlicher und sakramentaler Selbstverpflichtung.

6. Die Sonntagspflicht und die Messe als Zentrum katholischen Lebens

Für einen Katholiken ist die Teilnahme an der heiligen Messe am Sonntag nicht ersetzbar. Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung. Die Eucharistie ist Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens. Deshalb kann ein frei-evangelischer Gottesdienst die katholische Messe nicht ersetzen.

Das ist nicht nur eine disziplinäre Vorschrift. Es folgt aus der katholischen Sakramentenlehre. Wenn die Eucharistie wirklich Christus selbst ist, wenn sie die sakramentale Gegenwart seines Opfers ist, wenn sie die Mitte der Kirche bildet, dann kann sie nicht durch Predigt, Lobpreis, Bibellesung und Gemeinschaft ersetzt werden, so wertvoll diese Elemente für sich genommen sein können.

Wer katholisch ist, gehört sonntags zur Messe. Nicht aus bloßer Pflichtmentalität, sondern weil dort die Kirche in ihrer höchsten sichtbaren Form handelt: Christus opfert sich dem Vater sakramental durch den Dienst des Priesters; die Gläubigen werden in dieses Opfer hineingenommen; die Kirche empfängt den Leib des Herrn.

Ein frei-evangelischer Gottesdienst kann geistlich bewegend sein. Er kann eine gute Predigt enthalten. Er kann emotional ansprechend sein. Aber er ist nicht die Messe. Deshalb kann ein Katholik nicht sagen: „Ich gehe statt zur Messe in eine frei-evangelische Gemeinde.“ Das wäre kein katholisches Leben mehr. Es wäre faktisch eine Verschiebung der kirchlichen Mitte.

7. Kirchliche Zugehörigkeit ist mehr als Besuch

Besuch und Zugehörigkeit sind nicht dasselbe. Hin und wieder besuche ich meine alte frei-evangelische Gemeinde, um alte Freunde wieder zu sehen. Darin besteht kein Problem. Deswegen ist es klar und deutlich: Ein Katholik, der aus familiären oder freundschaftlichen Gründen gelegentlich einen frei-evangelischen Gottesdienst besucht, befindet sich in einer anderen Lage als ein Katholik, der dort Mitglied wird, dort geistlich beheimatet ist, dort regelmäßig seine primäre Gemeinschaft sieht und dort Verantwortung übernimmt.

Der gelegentliche Besuch kann pastoral vertretbar sein. Die volle Zugehörigkeit ist es nicht. Denn Zugehörigkeit bedeutet Bindung. Wer einer Gemeinde angehört, akzeptiert in der Regel ihre Ordnung, ihre Leitung, ihre Lehre, ihre Praxis und ihre gemeinschaftliche Identität. Gerade frei evangelische Gemeinden verstehen Mitgliedschaft oft nicht nur formal, sondern bewusst bekenntnishaft. Man gehört dazu, weil man die geistliche Ausrichtung der Gemeinde teilt.

Ein Katholik kann aber nicht ehrlich eine Gemeinschaft als seine kirchliche Heimat bekennen, deren Grundannahmen in zentralen Punkten dem katholischen Glauben widersprechen. Das wäre keine ökumenische Offenheit. Es wäre ekklesiologische Unklarheit.

Ökumene bedeutet nicht, dass Unterschiede überspielt werden. Echte Ökumene setzt Wahrheit voraus. Sie sucht Einheit, aber sie behauptet nicht vorschnell Einheit, wo keine besteht. Und diese falsche Ökumene, wie sie heutzutage leider auch von der katholischen Kirche – vor allem in Deutschland – gelebt und zelebriert wird, birgt eine große Gefahr für Katholiken.

8. Die besondere Problematik einer Lehr oder Leitungsfunktion

Besonders schwerwiegend wird der Konflikt, wenn ein Katholik in einer frei-evangelischen Gemeinde eine Lehr oder Leitungsaufgabe übernimmt. Das betrifft etwa Jugendleitung, Hauskreisleitung, Predigtdienst, Mitarbeit in der Gemeindeleitung, Kindergottesdienstleitung, Seelsorge oder offizielle Mitarbeit in geistlichen Teams.

Eine solche Funktion ist nicht neutral. Wer lehrt, formt Glauben. Wer leitet, prägt kirchliche Identität. Wer geistlich Verantwortung trägt, steht nicht nur als Privatperson im Raum, sondern als Repräsentant einer bestimmten Glaubensrichtung.

  • Ein Katholik, der die Eucharistie bekennt, kann nicht dauerhaft in einem Rahmen lehren, in dem die katholische Eucharistielehre nicht anerkannt wird.
  • Ein Katholik, der das sakramentale Priestertum bekennt, kann nicht so tun, als sei ein frei evangelischer Abendmahlsdienst gleichwertig mit der Messe.
  • Ein Katholik, der Schrift und Tradition zusammen mit dem Lehramt als verbindliche Glaubensnorm anerkennt, kann nicht ehrlich eine sola scriptura geprägte Lehre vertreten.
  • Ein Katholik, der die katholische Rechtfertigungslehre annimmt, kann nicht eine Deutung lehren, die Gnade, Glauben, Werke und Heiligung in einem anderen theologischen System verortet.
  • Ein Katholik, der Maria als Gottesgebärerin und Urbild der Kirche verehrt, kann nicht dauerhaft in einer Umgebung lehren, in der marianische Dogmen als unbiblisch oder störend gelten.

Irgendwann entsteht ein Gewissenskonflikt. Entweder verschweigt man katholische Wahrheiten, oder man relativiert sie. Oder man lehrt gegen die eigene Überzeugung und gerät offen in Konflikt mit der Gemeinde, in der man mitarbeitet. Keiner dieser Wege ist gut für einen.

Wer katholisch glaubt, muss dort, wo er lehrend oder leitend Verantwortung trägt, auch katholisch handeln. Wenn der institutionelle Rahmen dies nicht zulässt, ist ein Rückzug aus dieser Aufgabe verpflichtend.

Das kann schmerzhaft sein. Ich bin dankbar, dass ich den pastoralen Dienst in der frei-evangelischen Gemeinde nicht angetreten habe. Sonst wäre ich in einer riesigen existenziellen Sackgasse gelandet und wüsste rückblickend nicht, wie ich gehandelt hätte. Gerade wer viele Jahre in einer frei-evangelischen Gemeinde gedient hat, erlebt einen solchen Schritt nicht selten als Verlust. Es geht um Beziehungen, Vertrauen, frühere Aufgaben, Anerkennung und geistliche Heimat und in vielen Fällen auch Finanzierung des Lebens und der Familie. Trotzdem kann Treue zur Wahrheit verlangen, eine solche Position niederzulegen.

9. Die Frage der doppelten Loyalität

Im Kern geht es um Loyalität.

Ein Katholik steht unter der Autorität Christi, wie sie in der katholischen Kirche durch Schrift, Tradition, Sakramente und Lehramt konkret wird. Eine frei-evangelische Gemeinde steht unter einem anderen Autoritätsverständnis. Sie erkennt das katholische Lehramt nicht als verbindlich an. Sie steht nicht unter dem Papst. Sie hat nicht dieselbe sakramentale Ordnung. Sie vertritt nicht dieselbe Ekklesiologie.

Wer beiden zugleich voll angehören möchte, versucht zwei Ordnungen zu verbinden, die sich nicht auf derselben Ebene ergänzen, sondern in wesentlichen Punkten widersprechen. Das Problem ist nicht, dass man privat gute Beziehungen in beide Richtungen hat. Das Problem ist die kirchliche Doppelbindung. Man kann nicht gleichzeitig sagen:

„Ich erkenne die katholische Kirche als von Christus gestiftete Kirche mit verbindlicher Lehrvollmacht an.“

Und zugleich:

„Ich gehöre in gleicher Weise einer Gemeinschaft an, die diese Lehrvollmacht nicht anerkennt und in zentralen Punkten anders lehrt.“

Das wäre kein reifer ökumenischer Standpunkt, sondern ein ungelöster Widerspruch. Katholischer Glaube verlangt eine Entscheidung. Nicht gegen Menschen, sondern für die Wahrheit der Kirche.

10. Das Beispiel des heiligen Paulus

Manchmal wird eingewandt: Paulus ging doch auch in die Synagoge. Daraus wird dann geschlossen, ein Katholik könne ohne Weiteres regelmäßig in einer nicht katholischen Gemeinschaft beheimatet sein. Diese Schlussfolgerung greift zu kurz.

Paulus ging in die Synagoge, aber nicht, weil er dort eine zweite religiöse Identität suchte, sondern als Zeuge Christi. Er ging zu den Menschen, mit denen er durch Herkunft, Schrift und Geschichte verbunden war. Aber sein Ziel war nicht eine neutrale Doppelzugehörigkeit. Sein Ziel war die Verkündigung Jesu Christi.

Das paulinische Beispiel spricht also nicht für religiöse Unklarheit. Es spricht für missionarische Präsenz. Ein Katholik kann bei nicht katholischen Christen anwesend sein. Aber seine Anwesenheit darf nicht bedeuten, dass er seine katholische Identität aufgibt oder relativiert. Sie muss von Klarheit geprägt sein. Er darf dort Menschen lieben, aber er darf nicht so tun, als sei die kirchliche Trennung überwunden.

Paulus suchte Gemeinschaft, aber nicht auf Kosten der Wahrheit Christi.

11. Gehorsam als geistliche Prüfung

Die schwerste Dimension dieser Frage ist nicht die dogmatische. Dogmatisch ist die Sache relativ klar. Schwer ist die konkrete Umsetzung. Menschen hängen an Gemeinden. Sie haben dort Freunde. Sie haben dort gedient. Sie haben dort gebetet, geweint, geglaubt, gesungen, gelernt. Manchmal ist der Ehepartner dort. Manchmal sind die Kinder dort eingebunden. Manchmal trägt man dort Verantwortung. Manchmal wäre ein Rückzug sozial extrem belastend. Trotzdem bleibt die Frage: Wem schulde ich letzten Gehorsam?

Dem Milieu? Der bisherigen Rolle? Der Erwartung anderer? Dem Wunsch, Konflikte zu vermeiden? Oder Christus und seiner Kirche?

Christlicher Gehorsam ist nie bloß bequem. Abraham musste aufbrechen. Die Apostel mussten Netze zurücklassen. Paulus verlor Ansehen und Sicherheit. Viele Konvertiten und Rückkehrer zur katholischen Kirche erleben Ähnliches in kleinerem Maßstab: Unverständnis, Einsamkeit, familiären Druck, den Verlust alter Gewissheiten. Vieles davon habe ich als Konvertit selbst erlebt. Freunde, mit denen ich gemeinsam Theologie studiert habe, haben mich verlassen, mich beleidigt, mir das Heil abgesprochen und den Kontakt zu mir abgebrochen. Aber Gehorsam gegenüber Christus ist keine Verarmung. Er kann äußerlich Verlust bedeuten, aber geistlich führt er tiefer in die Wahrheit. Und dafür bin ich Jesus Christus sehr dankbar.

Ein geistlicher Grundsatz lautet: Der Mensch muss Gott gehorchen; Gott trägt die Folgen echten Gehorsams. Das heißt nicht, dass alles leicht wird. Es heißt auch nicht, dass jede menschliche Konsequenz verschwindet. Aber es bedeutet: Wer aus Treue zur Wahrheit handelt, fällt nicht aus der Vorsehung Gottes heraus. Man kann Gott nicht übertreffen in Großzügigkeit. Wer Christus etwas gibt, verliert es nicht endgültig. Er empfängt es verwandelt zurück, oft anders, oft schmerzlich gereinigt, aber tiefer und wahrer.

12. Warum diese Position nicht lieblos ist

In einer religiös pluralen Gesellschaft wirkt diese katholische Position schnell hart. Viele empfinden jede klare Grenzziehung als Ausgrenzung. Das liegt daran, dass Wahrheit heute oft mit subjektiver Authentizität verwechselt wird. Wenn jemand sich einer Gemeinschaft verbunden fühlt, gilt diese Verbundenheit bereits als legitim. Die katholische Sicht ist anders. Sie unterscheidet zwischen subjektiver Aufrichtigkeit und objektiver kirchlicher Ordnung.

Ein frei-evangelischer Christ kann subjektiv aufrichtig, fromm und Christus nahe sein. Dennoch besteht keine volle kirchliche Einheit mit der katholischen Kirche. Beides muss gleichzeitig gesagt werden. Das ist keine Lieblosigkeit. Es ist Wahrhaftigkeit.

Lieblos wäre es, Unterschiede zu verschweigen, die tatsächlich heilsrelevant sind. Lieblos wäre es, einem Katholiken zu sagen, es sei egal, ob er zur Messe geht oder nicht. Lieblos wäre es, die Eucharistie auf ein bloßes Gemeinschaftssymbol zu reduzieren. Lieblos wäre es, sakramentale Einheit vorzutäuschen, obwohl der Glaube nicht derselbe ist.

Wahre Liebe sucht Einheit. Aber sie sucht Einheit in der Wahrheit, nicht in der Unschärfe.

Darum darf ein Katholik frei-evangelische Christen nicht verachten. Er darf nicht arrogant auftreten. Er darf nicht so tun, als gebe es dort keine Gnade, keine Bibelliebe, keine echte Frömmigkeit. Aber er muss klar bleiben: Diese Gemeinschaft besitzt nicht die Fülle dessen, was Christus seiner Kirche anvertraut hat.

13. Die katholische Kirche als Ort der Fülle

Die katholische Kirche lehrt, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche verwirklicht ist. Diese Aussage bedeutet nicht, dass außerhalb ihrer sichtbaren Grenzen nichts Christliches existiert. Sie bedeutet aber, dass die Fülle der von Christus gestifteten Heilsmittel in der katholischen Kirche vorhanden ist. Diese Fülle umfasst:

  • die apostolische Sukzession,
  • das Bischofsamt,
  • das Petrusamt,
  • die sieben Sakramente,
  • die Eucharistie als Opfer und Realpräsenz,
  • das sakramentale Priestertum,
  • die verbindliche Lehrautorität,
  • die Heilige Tradition,
  • die Gemeinschaft der Heiligen,
  • die marianischen Dogmen,
  • die universale sichtbare Einheit.

Ein Katholik kann diese Fülle nicht kennen und zugleich so handeln, als sei sie nur eine mögliche Frömmigkeitsform neben anderen.

Wenn die katholische Kirche wirklich die Kirche Christi in ihrer Fülle ist, dann ist die Zugehörigkeit zu ihr nicht austauschbar. Dann ist die Messe nicht ersetzbar. Dann ist das Lehramt nicht optional. Dann ist die Eucharistie nicht nur eine von vielen Abendmahlsformen. Dann ist kirchliche Einheit nicht nur ein Gefühl.

14. Praktische Unterscheidungen

Die Frage muss pastoral konkret beantwortet werden. Nicht jede Berührung mit einer frei evangelischen Gemeinde ist gleich problematisch. Aber es gibt klare Abstufungen.

Unproblematisch oder unter Umständen vertretbar kann sein:

  • Ein Gespräch mit frei evangelischen Christen.
  • Ein gemeinsames Lesen der Bibel, sofern die katholische Lehre nicht relativiert wird.
  • Ein Besuch bei einer nicht sakramentalen Veranstaltung.
  • Eine Anwesenheit aus familiärem Anlass.
  • Freundschaftliche Gemeinschaft.
  • Gemeinsames soziales oder karitatives Engagement.

Problematisch oder nicht vereinbar ist dagegen:

  • Regelmäßige Ersetzung der Sonntagsmesse durch einen frei evangelischen Gottesdienst.
  • Empfang des frei-evangelischen Abendmahls.
  • Formale Mitgliedschaft in einer frei-evangelischen Gemeinde, sofern sie kirchliche Zugehörigkeit ausdrückt.
  • Übernahme einer Lehr oder Leitungsaufgabe, die nicht katholische Lehre voraussetzt oder verbreitet.
  • Öffentliche Gleichstellung von katholischer Kirche und frei-evangelischer Gemeinde als zwei gleichwertige kirchliche Heimaten.
  • Relativierung katholischer Dogmen zugunsten eines konfessionellen Mischfriedens.
  • Dauerhafte geistliche Unterordnung unter eine nicht katholische Gemeindeleitung.

Die Grenze ist dort überschritten, wo aus Kontakt Communio wird. Wo aus Besuch Zugehörigkeit wird. Wo aus Respekt Bekenntnisgemeinschaft wird.

15. Die Gewissensfrage

Für einen Katholiken stellt sich am Ende eine Gewissensfrage. Glaube ich wirklich, dass die katholische Kirche die von Christus gestiftete Kirche in ihrer sakramentalen und apostolischen Fülle ist? Glaube ich wirklich, dass Christus durch seine Kirche verbindlich lehrt? Glaube ich wirklich, dass die Eucharistie der wahre Leib und das wahre Blut Christi ist? Glaube ich wirklich, dass die Messe Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens ist? Glaube ich wirklich, dass kirchliche Einheit sichtbar, sakramental und lehrmäßig ist?

Wenn die Antwort Ja lautet, dann kann man nicht dauerhaft so leben, als seien diese Wahrheiten praktisch zweitrangig.

Dann kann man nicht die katholische Kirche sonntags durch eine frei-evangelische Gemeinde ersetzen. Dann kann man nicht dort Abendmahl empfangen. Dann kann man nicht dort als Lehrer auftreten, als gäbe es keine fundamentalen Unterschiede. Dann kann man nicht zwei kirchliche Identitäten nebeneinanderführen.

Der katholische Glaube verlangt nicht Halbheit, sondern Einheit. Nicht Zerrissenheit, sondern Entscheidung. Nicht private Auswahl, sondern kirchliche Communio.

Schluss

Der Grund ist nicht psychologisch, kulturell oder konfessionell polemisch. Der Grund ist theologisch. Katholische Zugehörigkeit bedeutet volle Communio mit der Kirche Christi: im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung. Eine frei evangelische Gemeinde steht nicht in dieser Communio. Sie besitzt nicht dieselbe sakramentale Ordnung, nicht dasselbe Kirchenverständnis, nicht dasselbe Eucharistieverständnis und nicht dieselbe lehramtliche Autorität.

Deshalb wäre eine doppelte volle Zugehörigkeit innerlich widersprüchlich.

Man kann Menschen in einer frei evangelischen Gemeinde lieben. Man kann ihnen verbunden bleiben. Man kann mit ihnen sprechen, beten und Zeugnis geben. Aber man darf nicht mit seinem Leben, seinem Leib und seiner öffentlichen Zugehörigkeit eine kirchliche Einheit behaupten, die nicht besteht.

Katholischsein ist keine lose Konfessionspräferenz. Es ist die sichtbare, sakramentale und gehorsame Eingliederung in die Kirche, die Christus gestiftet hat. Wer diese Kirche als solche erkennt, kann ihr nicht nur teilweise gehören. Er ist gerufen, ihr ganz anzugehören.

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