Eine katholische Antwort auf Johannes 14,28 und die Frage nach der Ordnung innerhalb der Dreifaltigkeit
Meine Tochter hat mich heute beim Essen genau das gefragt. Und tatsächlich: kaum eine Frage hat die christliche Theologie so nachhaltig geprägt wie die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Vater und dem Sohn. Für viele Menschen scheint die Antwort zunächst offensichtlich zu sein. Jesus betet zum Vater, spricht von ihm als demjenigen, der ihn gesandt hat, und erklärt schließlich im Johannesevangelium: „Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28). Wer diese Aussage isoliert betrachtet, könnte leicht zu dem Schluss gelangen, dass Christus zwar einzigartig und heilig ist, aber letztlich doch unter dem Vater steht.
Tatsächlich war genau dies die Überzeugung eines bedeutenden Teils der Christenheit im vierten Jahrhundert. Die Frage, ob Christus im vollen Sinn Gott sei oder ob er lediglich das höchste aller Geschöpfe darstelle, erschütterte die Kirche über Jahrzehnte hinweg. Konzilien wurden einberufen, Bischöfe abgesetzt, Kaiser griffen ein und ganze Regionen des Römischen Reiches standen einander in theologischen Fragen feindlich gegenüber. Hinter all diesen Konflikten stand letztlich dieselbe Frage: Wer ist Jesus Christus?
Die Antwort der katholischen Kirche lautet bis heute, dass der Vater nicht höher ist als der Sohn. Gleichzeitig hält sie daran fest, dass der Sohn vom Vater stammt, vom Vater gezeugt wird und seine personale Herkunft im Vater hat. Für moderne Leser klingt dies oft widersprüchlich. Wie kann jemand vom Vater stammen und dennoch vollkommen gleich sein? Bedeutet Herkunft nicht zwangsläufig Unterordnung? Bedeutet Ursprung nicht automatisch Überlegenheit?
Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Schwierigkeit. Die katholische Trinitätslehre entstand nicht deshalb, weil die Kirche philosophische Spekulationen über Gott anstellen wollte. Sie entstand vielmehr aus dem Bemühen, allen Aussagen der Heiligen Schrift gerecht zu werden. Die Kirche wollte weder jene Stellen opfern, die Christus als Gott bezeichnen, noch jene Stellen ignorieren, in denen Christus vom Vater spricht, zu ihm betet oder ihm gehorcht. Die klassische Lehre der Dreifaltigkeit ist daher der Versuch, die gesamte biblische Offenbarung zusammenzuhalten, ohne einen Teil gegen den anderen auszuspielen.¹
Die Herausforderung des Arianismus
Die erste große Krise entstand im frühen vierten Jahrhundert durch die Lehre des alexandrinischen Priesters Arius. Seine Gedanken wirkten auf viele Menschen überzeugend, weil sie auf den ersten Blick logisch erschienen. Arius argumentierte, dass nur der Vater im eigentlichen Sinn Gott sein könne. Der Vater sei ungezeugt, ohne Ursprung und die Quelle aller Wirklichkeit. Der Sohn hingegen werde vom Vater gezeugt. Wenn dies zutreffe, müsse der Sohn einen Ursprung haben. Wer aber einen Ursprung habe, könne nicht dieselbe Stellung besitzen wie derjenige, von dem er ausgeht.
Die berühmteste Formel des Arius lautete: „Es gab eine Zeit, da der Sohn nicht war.“² Damit wollte er ausdrücken, dass der Sohn zwar vor aller Schöpfung erschaffen worden sei, aber dennoch nicht ewig existiere. Christus sei größer als Engel und Menschen, aber nicht wahrer Gott wie der Vater.
Heute erscheint diese Position vielen Christen fremd, doch im vierten Jahrhundert war sie außerordentlich erfolgreich. Zahlreiche Bischöfe schlossen sich ihr an. Manche Kaiser unterstützten sie. Zeitweise schien es sogar, als könne sich der Arianismus in der gesamten Kirche durchsetzen.
Die Gegner des Arius erkannten jedoch, dass seine Lehre letztlich das Herzstück des christlichen Glaubens zerstörte. Wenn Christus nicht wahrer Gott ist, dann ist die Menschwerdung Gottes eine Illusion. Dann ist das Kreuz nicht die Selbsthingabe Gottes, sondern lediglich das Opfer eines Geschöpfes. Dann wird die Erlösung letztlich zu einem Werk eines Mittlers, der selbst nicht Gott ist.
Besonders Athanasius von Alexandrien erkannte die Tragweite dieser Konsequenzen. Für ihn stand fest, dass nur Gott retten kann. Wenn Christus die Menschheit wirklich mit Gott versöhnen soll, dann muss er selbst wahrer Gott sein. Deshalb kämpfte Athanasius nahezu sein gesamtes Leben gegen den Arianismus und wurde mehrfach verbannt.³
Die Kirche bestätigte seine Position auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325. Dort bekannten die versammelten Bischöfe den Sohn als „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“.⁴ Diese Formulierung war keine bloße Kompromisslösung. Sie war eine direkte Antwort auf die Lehre des Arius. Der Sohn ist vom Vater, aber er ist kein Geschöpf. Er stammt vom Vater, aber nicht auf dieselbe Weise, wie die Schöpfung von Gott stammt. Er ist wahrer Gott und besitzt dieselbe göttliche Natur wie der Vater.
Das Zeugnis der Heiligen Schrift
Die Konzilsväter von Nicäa verstanden sich nicht als Erfinder einer neuen Lehre. Sie waren überzeugt, dass ihre Aussagen bereits im Neuen Testament angelegt waren. Tatsächlich findet sich dort eine bemerkenswerte Spannung. Einerseits spricht die Schrift von Christus in einer Weise, die nur auf Gott zutreffen kann. Andererseits begegnen uns Aussagen, die auf eine gewisse Unterordnung hindeuten.
Besonders deutlich tritt die Gottheit Christi im Johannesevangelium hervor. Bereits der erste Vers setzt einen Akzent, der für die gesamte christliche Tradition entscheidend wurde: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Joh 1,1). Johannes beschreibt Christus nicht als ein später geschaffenes Wesen. Er verortet ihn vor aller Schöpfung und nennt ihn ausdrücklich Gott.
Wenige Verse später identifiziert er dieses ewige Wort mit Jesus Christus: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Derjenige, der in Bethlehem geboren wird, existiert also bereits vor aller Zeit. Seine Geburt markiert nicht den Beginn seiner Existenz, sondern den Eintritt des ewigen Wortes in die menschliche Geschichte.
Auch andere neutestamentliche Schriften sprechen in ähnlicher Weise. Paulus erklärt, dass in Christus „die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt“ (Kol 2,9). Der Hebräerbrief bezeichnet ihn als „Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens“ (Hebr 1,3). Thomas fällt vor dem auferstandenen Christus nieder und bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28). Bemerkenswert ist dabei, dass Christus dieses Bekenntnis nicht zurückweist. Er korrigiert Thomas nicht. Vielmehr bestätigt er seinen Glauben.
Diese Texte waren für die frühen Christen von entscheidender Bedeutung. Sie ließen keinen Raum für die Vorstellung, Christus sei lediglich ein besonders erhabenes Geschöpf. Gleichzeitig blieb jedoch die Frage bestehen, wie jene Stellen zu verstehen seien, in denen Christus vom Vater spricht, zu ihm betet oder ihm gehorcht.
Johannes 14,28 und die Frage der Unterordnung
Unter allen Bibelstellen spielte Johannes 14,28 die größte Rolle in der arianischen Kontroverse. „Der Vater ist größer als ich“ wurde zum bevorzugten Beweistext jener Theologen, die den Sohn als geringer als den Vater betrachteten.
Die Kirchenväter erkannten jedoch, dass diese Aussage nicht isoliert gelesen werden kann. Dasselbe Johannesevangelium enthält auch die Worte Jesu: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Ebenso sagt Christus zu Philippus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Würde Johannes 14,28 bedeuten, dass Christus ein geringerer Gott sei, stünden diese Aussagen in unauflöslichem Widerspruch zueinander.
Die Lösung fand die Kirche in der Lehre von der Menschwerdung. Das Konzil von Chalcedon bekannte im Jahr 451, dass Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Er besitzt zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche, die in seiner Person ungetrennt vereint sind.⁵
Diese Lehre erklärt, warum Christus sowohl von seiner göttlichen Herrlichkeit als auch von seiner Erniedrigung sprechen kann. Als Mensch betet er. Als Mensch hungert er. Als Mensch leidet er. Als Mensch kann er sagen, dass der Vater größer sei als er. Als Gott hingegen besitzt er dieselbe göttliche Natur wie der Vater.
Augustinus formulierte diese Unterscheidung mit besonderer Klarheit. Nach seiner Auffassung ist Christus dem Vater gleich hinsichtlich seiner Gottheit, aber geringer hinsichtlich der angenommenen Menschheit.⁶ Die Aussage „Der Vater ist größer als ich“ beschreibt daher nicht eine Minderwertigkeit des göttlichen Sohnes, sondern die Wirklichkeit seiner freiwilligen Erniedrigung in der Menschwerdung.
Wesen und Person: Der Schlüssel zum Verständnis der Dreifaltigkeit
Die eigentliche Lösung der Frage liegt jedoch tiefer. Die Kirchenväter erkannten, dass viele Missverständnisse daraus entstehen, dass Wesen und Person miteinander verwechselt werden. Diese Unterscheidung gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen der klassischen Trinitätstheologie.
Wenn wir fragen, was etwas ist, sprechen wir über sein Wesen. Wenn wir fragen, wer jemand ist, sprechen wir über seine Person. Die Frage nach dem Wesen Gottes wird von Vater, Sohn und Heiligem Geist identisch beantwortet. Der Vater ist Gott. Der Sohn ist Gott. Der Heilige Geist ist Gott. Nicht drei Götter, sondern ein Gott.
Die Unterschiede zwischen den Personen betreffen daher nicht die Gottheit selbst, sondern die Beziehungen, in denen die Personen zueinander stehen. Der Vater ist Vater, weil er den Sohn zeugt. Der Sohn ist Sohn, weil er vom Vater gezeugt wird. Der Heilige Geist ist Geist, weil er vom Vater und vom Sohn ausgeht. Gerade diese Ursprungsbeziehungen machen die Personen voneinander unterscheidbar.
Entscheidend ist jedoch, dass diese Beziehungen keine Unterschiede im göttlichen Wesen erzeugen. Der Vater besitzt nicht mehr Gottheit als der Sohn. Der Sohn besitzt nicht weniger Gottheit als der Vater. Beide besitzen dieselbe göttliche Natur vollständig und ungeteilt. Deshalb lehnt die Kirche jede Vorstellung ab, innerhalb der Dreifaltigkeit gebe es unterschiedliche Grade von Göttlichkeit.⁷
Die ewige Zeugung des Sohnes
Hier zeigt sich auch, warum der Begriff der Zeugung häufig missverstanden wird. Im menschlichen Bereich bezeichnet Zeugung den Beginn eines neuen Lebens. Ein Kind existiert zunächst nicht und beginnt dann zu existieren. Überträgt man dieses Verständnis auf Gott, entsteht fast zwangsläufig die Vorstellung, der Sohn müsse irgendwann entstanden sein.
Die Kirche hat diese Auffassung jedoch stets zurückgewiesen. Wenn sie von der Zeugung des Sohnes spricht, meint sie keinen Vorgang innerhalb der Zeit. Die Zeugung des Sohnes geschieht ewig. Es gab niemals einen Augenblick, in dem der Vater ohne den Sohn existierte. Ebenso wenig gab es jemals einen Zustand, in dem der Sohn noch nicht war.
Athanasius erkannte, dass genau dieser Punkt entscheidend ist. Wenn Gott wirklich Vater ist, dann muss er immer Vater gewesen sein. Ein Vater ohne Sohn wäre nicht Vater. Würde Gott erst irgendwann Vater werden, hätte sich sein Wesen verändert. Da Gott jedoch unveränderlich ist, muss seine Vaterschaft ebenso ewig sein wie sein göttliches Sein. Daraus folgt, dass auch der Sohn ewig sein muss.⁸
Die Zeugung beschreibt daher keine zeitliche Entstehung, sondern eine ewige Beziehung innerhalb Gottes. Der Sohn empfängt seine personale Herkunft vom Vater, aber er empfängt sie ewig. Deshalb besitzt er alles, was der Vater besitzt, mit Ausnahme der Eigenschaft, Vater zu sein.
Ordnung ohne Hierarchie
Damit gelangen wir zum eigentlichen Kern der Ausgangsfrage. Wenn der Vater Ursprung des Sohnes ist, bedeutet dies nicht doch eine gewisse Überlegenheit?
Die klassische Trinitätstheologie antwortet darauf mit einem klaren Nein. Die Kirchenväter verwendeten für die Beziehungen innerhalb der Dreifaltigkeit häufig den Begriff taxis, also Ordnung.⁹ Damit wollten sie ausdrücken, dass der Vater Ursprung ohne Ursprung ist, der Sohn vom Vater gezeugt wird und der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn ausgeht.
Diese Ordnung ist real. Sie ist keine bloße Denkfigur. Dennoch beschreibt sie keine Hierarchie. Der Vater ist nicht göttlicher als der Sohn. Der Sohn ist nicht weniger göttlich als der Vater. Die Ordnung betrifft die Beziehungen der Personen zueinander, nicht den Besitz der göttlichen Natur.
Gregor von Nazianz brachte diesen Gedanken in einer berühmten Formulierung auf den Punkt. Die Ungezeugtheit des Vaters mache ihn nicht größer, ebenso wenig mache die Zeugung den Sohn geringer.¹⁰ Die Unterschiede liegen in den Beziehungen, nicht in der Gottheit.
Genau deshalb kann die Kirche gleichzeitig bekennen, dass der Vater Ursprung des Sohnes ist und dennoch dieselbe göttliche Natur mit ihm teilt. Ursprung bedeutet nicht Überlegenheit. Herkunft bedeutet nicht Minderwertigkeit.
Schlussbetrachtung
Die Frage, ob der Vater höher als der Sohn sei, begleitet das Christentum seit seinen Anfängen. Sie entstand aus dem Versuch, die Aussagen der Heiligen Schrift miteinander in Einklang zu bringen. Die Kirche hat darauf nicht mit einer Vereinfachung geantwortet, sondern mit einer vertieften Betrachtung des Geheimnisses Gottes.
Der Vater ist nicht höher als der Sohn. Er besitzt nicht mehr Gottheit, nicht mehr Herrlichkeit und nicht mehr Macht. Der Sohn ist wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater. Gleichzeitig bleibt bestehen, dass der Sohn vom Vater stammt und seine personale Herkunft im Vater hat.
Die katholische Lehre hält daher zwei Wahrheiten fest, die nur auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen. Es gibt eine reale Ordnung innerhalb der Dreifaltigkeit, aber diese Ordnung ist keine Hierarchie. Es gibt einen Ursprung, aber keine Überlegenheit. Es gibt Herkunft, aber keine Minderwertigkeit. Gerade darin liegt die Tiefe des christlichen Gottesverständnisses. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind nicht drei Götter unterschiedlichen Ranges, sondern der eine ewige Gott, dessen innerstes Leben von vollkommener Einheit und vollkommener Beziehung geprägt ist.
Fußnoten
¹ Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 253–255.
² Athanasius von Alexandrien, Reden gegen die Arianer I,5. Die Formel „Es gab eine Zeit, da der Sohn nicht war“ wurde zur bekanntesten Zusammenfassung der arianischen Position.
³ Athanasius von Alexandrien, Reden gegen die Arianer I,8–10.
⁴ Konzil von Nicäa I (325), Symbolum Nicaenum. Das griechische Wort homoousios bedeutet „wesensgleich“ und wurde gewählt, um jede Form einer minderen Gottheit Christi auszuschließen.
⁵ Konzil von Chalcedon (451), Glaubensdefinition.
⁶ Augustinus, De Trinitate I,7.
⁷ Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 252–255.
⁸ Athanasius von Alexandrien, Reden gegen die Arianer I,14–21.
⁹ Basilius der Große, Über den Heiligen Geist 18; Gregor von Nazianz, Theologische Reden 29.
¹⁰ Gregor von Nazianz, Theologische Rede 29,2.





Hinterlasse einen Kommentar